05. Juni 2006
Reality Check im Selbstversuch: Ist Web 2.0 reif für den Massenmarkt?
Regelmässige Leser dieses Blogs wissen, dass ich in letzter Zeit sehr viel unterwegs war und daher über Monate hinweg meistens keinen regulären Breitband-Internetanschluss benutzen konnte. Mal abgesehen von den damit einhergehenden Unbequemlichkeiten öffnet einem das die Augen für eine Tatsache, die man in der Internet-Szene schon praktisch vergessen hat: Web 2.0, so behaupte ich, ist noch weit weg von einer echten Massentauglichkeit. Und mit "Massentauglichkeit" meine ich, dass mehr als 2/3 der Bevölkerung diese Dienste nutzen könnten.
Das liegt nicht primär an den Anwendungen, sondern an einem infrastrukturellen Problem: Praktisch alle Web-2.0-Anwendungen setzen wie selbstverständlich folgendes voraus:
Ich bin selbst erstaunt, wie schnell man das vergisst, wenn man vorwiegend in einem internet-affinen Umfeld mit Rundum-Breitbandversorgung arbeitet. Wenn man sich aber zwangsweise für einige Zeit wieder in die Niederungen der Dial-Up-Verbindungen und Windows-98-Surfstationen hinunterbegibt, ist man wirklich erstaunt, wie unbrauchbar in so einem Umfeld das ganze Web-2.0-Zeug plötzlich wird.
Gmail wird zur Qual: Offline kann man es nicht vernünftig benutzen (die POP3-Implementierung ist wirklich schlecht), und über langsame Leitungen ist die Benutzung ein reines Geduldsspiel. Bloggen wird teuer: Wenn man für jede Minute Verbindung zahlen muss, überlegt man sich plötzlich, ob man diesen nächsten Post wirklich schreiben sollte und ob das illustrierende Bild wirklich sein muss. Flickr wird unbrauchbar: Fotos sharen ist prima, aber nicht bei stundenlangen Wartezeiten. Und so weiter. Ob Podcasts, RSS-Feeds, Social Tagging, Mapping-Applikationen oder AJAX-Anwendungen, fast keine der schönen Web-2.0-Neuerungen ist in einem connectivitymässig schlecht ausgestatteten Umfeld wirklich ernsthaft benutzbar. Und man hat auch nicht den Eindruck, dass sich die Softwarehersteller um diese Tatsache auch nur andeutungsweise kümmern würden. Logisch, denn wenn sie es tun würden, wären sie ja normale PC-Softwarehersteller. Und das will man ja heutzutage nicht sein als hippes Web-2.0-Startup.
Das ist ein echtes Problem, denn zumindest für mich reduziert es nach diesen Erlebnissen drastisch meine Bereitschaft, mich auf web-basierte Applikationen zu verlassen. Die Vorstellung, meine Termine beispielsweise in Google Calendar oder 30 Boxes zu verwalten, erscheint mir aus heutiger Sicht komplett absurd. Eine Anwendung, die so stark von einer noch nicht selbstverständlichen Infrastruktur abhängt, ist einfach noch nicht robust genug. Erst wenn Breitband-Internet ungefähr so universell verfügbar wird wie elektrischer Strom, kann sich das ändern.
Klar, in dem Umfeld, in dem sich die meisten Web-2.0-Experten bewegen (also im wesentlichen zwischen vernetztem Büro und vernetztem Heim mit mobilem Breitbandzugang dazwischen), ist das tatsächlich jetzt schon der Fall. Es gilt fast immer die 2-Stunden-Regel: Nach spätestens 120 Minuten bin ich wieder bei einem breitbandig verbundenen PC. Aber man darf nicht vergessen, dass erst ein Bruchteil der Bevölkerung so stark connected ist. Und wenn man zum grossen Rest gehört oder in Länder reist, wo die Connectivity noch sehr unentwickelt ist, wird Web 2.0 plötzlich zur unbrauchbaren Farce.
Eine interessante Frage also: Wann wird die Breitbandversorgung wirklich so umfassend und robust werden, dass webbasierte Anwendungen für die Masse der Konsumenten brauchbar werden? Bis dahin jedenfalls braucht Microsoft noch keine allzu grosse Angst vor der Konkurrenz aus dem Web-Umfeld zu haben.
Das liegt nicht primär an den Anwendungen, sondern an einem infrastrukturellen Problem: Praktisch alle Web-2.0-Anwendungen setzen wie selbstverständlich folgendes voraus:
- Einen breitbandigen Internet-Anschluss
- "Always on" oder zumindest zeitunabhängige Benutzung (d.h. z.B. keine Minutengebühren)
- Einen PC mit neuster Browsergeneration, d.h. zu massiven JavaScript-Orgien fähig
Ich bin selbst erstaunt, wie schnell man das vergisst, wenn man vorwiegend in einem internet-affinen Umfeld mit Rundum-Breitbandversorgung arbeitet. Wenn man sich aber zwangsweise für einige Zeit wieder in die Niederungen der Dial-Up-Verbindungen und Windows-98-Surfstationen hinunterbegibt, ist man wirklich erstaunt, wie unbrauchbar in so einem Umfeld das ganze Web-2.0-Zeug plötzlich wird.
Gmail wird zur Qual: Offline kann man es nicht vernünftig benutzen (die POP3-Implementierung ist wirklich schlecht), und über langsame Leitungen ist die Benutzung ein reines Geduldsspiel. Bloggen wird teuer: Wenn man für jede Minute Verbindung zahlen muss, überlegt man sich plötzlich, ob man diesen nächsten Post wirklich schreiben sollte und ob das illustrierende Bild wirklich sein muss. Flickr wird unbrauchbar: Fotos sharen ist prima, aber nicht bei stundenlangen Wartezeiten. Und so weiter. Ob Podcasts, RSS-Feeds, Social Tagging, Mapping-Applikationen oder AJAX-Anwendungen, fast keine der schönen Web-2.0-Neuerungen ist in einem connectivitymässig schlecht ausgestatteten Umfeld wirklich ernsthaft benutzbar. Und man hat auch nicht den Eindruck, dass sich die Softwarehersteller um diese Tatsache auch nur andeutungsweise kümmern würden. Logisch, denn wenn sie es tun würden, wären sie ja normale PC-Softwarehersteller. Und das will man ja heutzutage nicht sein als hippes Web-2.0-Startup.
Das ist ein echtes Problem, denn zumindest für mich reduziert es nach diesen Erlebnissen drastisch meine Bereitschaft, mich auf web-basierte Applikationen zu verlassen. Die Vorstellung, meine Termine beispielsweise in Google Calendar oder 30 Boxes zu verwalten, erscheint mir aus heutiger Sicht komplett absurd. Eine Anwendung, die so stark von einer noch nicht selbstverständlichen Infrastruktur abhängt, ist einfach noch nicht robust genug. Erst wenn Breitband-Internet ungefähr so universell verfügbar wird wie elektrischer Strom, kann sich das ändern.
Klar, in dem Umfeld, in dem sich die meisten Web-2.0-Experten bewegen (also im wesentlichen zwischen vernetztem Büro und vernetztem Heim mit mobilem Breitbandzugang dazwischen), ist das tatsächlich jetzt schon der Fall. Es gilt fast immer die 2-Stunden-Regel: Nach spätestens 120 Minuten bin ich wieder bei einem breitbandig verbundenen PC. Aber man darf nicht vergessen, dass erst ein Bruchteil der Bevölkerung so stark connected ist. Und wenn man zum grossen Rest gehört oder in Länder reist, wo die Connectivity noch sehr unentwickelt ist, wird Web 2.0 plötzlich zur unbrauchbaren Farce.
Eine interessante Frage also: Wann wird die Breitbandversorgung wirklich so umfassend und robust werden, dass webbasierte Anwendungen für die Masse der Konsumenten brauchbar werden? Bis dahin jedenfalls braucht Microsoft noch keine allzu grosse Angst vor der Konkurrenz aus dem Web-Umfeld zu haben.


Kommentare
Es ist auch eine Zumutung und ein Armutszeugnis, dass viele renommierte und erfolgreiche Websites nur mit IE und nicht mit Opera oder Firefox abrufbar sind, gescheige denn mit IE5 oder älter.
Nicht nur bei der Bandbreite, sondern auch mit hoch ineffizienter und unzuverlässigen Software wird den Benützern eine Bürde aufgebrockt.
Schade, zu Begin der Internet Ära war man begeistert von plain-text e-mail messages und nun muss mann bei einem click auf eine durchschnittliche Webseite ½ MB Werbung hinnehmen. Das passt in die Agenda der Werbeträger und den Telecoms, ist aber nicht ein Grundbedürfnis des Benützers.
Heimatschutz ist schön, bewahrt unsere Landschaft, das Stadtbild etc. Aber sind wir ehrlich: Man muss auch einmal etwas niederreissen, um vorwärts zu kommen. Sonst leben wir im Museum.
Web 2.0 ist tatsächlich wie der Beginn des Internets. Was haben wir da nicht über Browsercompabilität und langsamen Bildschirmaufbau geflucht und trotzdem wollten wir die besten und coolsten Sites. Hey - es ist wieder so, packen wirs an. Es ist der zweite Aufbruch, viel Platz für gute Ideen und Konzepte für die, die die Welt vorwärts bringen wollen (wer will darf nochmals ein die anhängen). Wie sagt man so schön: Die Welt hat ein Verteilproblem und das lösen wir nicht, indem alle wenig haben.
z.b. gerade RSS ist dazu da weniger daten rumzusenden.
zweitens vor 15 jahren hatte noch niemand internet und was sind schon 15 jahre... es wird alles schneller, so auch diese zyklen ich mache mir da nicht so sorgen...
irgendwie dünkt mich das statement gleich so super negativ, weil die preise für verbindungen sinken immer weiter und pop3 implementation von gmail funktioniert prima...
übrigens ist das eine nicht besonders förderliche einstellung für 12 monate MIT :-)
Meine Meinung liegt bloggerli's diametral entgegengesetzt...
Da aber noch ein konstruktiver Beitrag: soeben gesehen bei http://www.greenpit.ch/blogwordpress/ einen offline blog editor http://www.qumana.com/
Sie liegen in meinen Augen richtig - und das leider noch für die nächsten paar Jahre. Wir bräuchten alle 100Mbit fix und 5-10MBit mobil für die heutigen Anwendungen mit Multimedia-Elementen - erst dann wird diese Online-Welt richtig sinnvoll. Auf meiner Australien-Reise wollte ich wegen Laptop-Klau meine 2GB Bilddaten auf mein XDrive-Konto schieben... im schnellsten Breitband-Hotel von Sydney dauerte das 26 Stunden oder 2 Übernachtungen zu 400 Dollar... Deshalb finde ich Entwicklungen toll, die On- und Offline wirklich sinnvoll miteinander verbinden. Seit Monaten arbeiten wir bei uns ziemlich erfolgreich mit einem Groove-Pilot (Mittlerweile bei Microsoft... und Bestendteil von Office 2007). Ich denke es ist schon noch etwas zu früh, die Jungs in Redmond abzuschreiben...
Liebe Grüsse und ein tolle MIT-Zeit
Samuel Hügli