Feldforschung:
Internet-Zugang auf Reisen

Andreas Göldi, 6. Mai 2006 13:55 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

In der letzten Zeit bin ich ziemlich intensiv herumgereist und hatte das Vergnügen, in den letzten drei Monaten in knapp drei Dutzend Hotels in Indien, USA, Marokko, Italien, Deutschland und der Schweiz unterzukommen. Logischerweise verspürte ich auch auf Reisen das Bedürfnis, mich regelmässig mit dem Internet zu verbinden. Am liebsten natürlich breitbandig.

Man denkt ja, dass Internet-Zugang inzwischen etwas beinahe Selbstverständliches sein sollte, gerade auch in etwas netteren (und nicht billigen) Hotels. Die Realität sieht freilich anders aus. Man braucht auch heute noch einiges an Leidensbereitschaft und Kreativität, um sich unterwegs vernünftig connecten zu können.

Mit der Zeit entdeckt man gewisse Muster. Ich konnte bisher folgende Hoteltypen hinsichtlich Internet-Verfügbarkeit identifizieren:

1) Die Technophoben: Es gibt immer noch Betriebe (vor allem auf dem Land), für die Internet-Zugang im Hotel ein ziemlich exotischer Gedanke ist.

Man wird dann gern auf das Internet-Café im nächsten Dorf verwiesen.

2) Die Technologie-Nostalgiker: Auch nicht selten sind kleinere Hotels, die einen schon beim Einchecken stolz auf ihren tollen Internetzugang hinweisen und einen dann zu einem Windows-95-PC mit 28.8kbps-Modem führen. Betriebssystem und Tastatur sind natürlich in der lokalen Sprache gehalten… Gelegentlich gibt es auch Modemanschlüsse im Zimmer, aber die altersschwache Telefonanlage erlaubt leider keine Connection mit einer halbwegs zeitgemässen Geschwindigkeit.

3) Die Pragmatiker: Einige Hotels bieten mit Stolz kostenlosen Breitband-Internet-Zugang an, meistens über eine zweckentfremdete Billig-ADSL-Leitung. Leider ist der Zugang aber fast immer kaputt und wird erst nächste Woche repariert (vielleicht). Aber immerhin, es ist ja der Gedanke, der zählt.

Auch schön war das eine Hotel in Italien, das Breitband-Vernetzung bis ins Zimmer anbietet. Allerdings bestand man darauf, dass der hauseigene IT-Techniker vorbeikommen und meinen Laptop richtig für den Netzzugang einrichten sollte. Der “Techniker” stellte sich dann als identisch mit dem Gepäckträger heraus und hatte ein IT-Wissen, das sich auf einen Zettel beschränkte, auf dem die hoteleigenen statischen IP-Adressen notiert waren. Mit sanfter Gewalt musste ich ihn davon abhalten, meine gesamte Windows-Konfiguration zu ruinieren. Schliesslich fanden wir dann mit vereinten Kräften im Trial-and-Error-Verfahren sogar noch eine freie IP-Adresse…

4) Die Abzocker: In der westlichen Welt am häufigsten sind inzwischen Hotels, die zwar Breitband-Internet im Zimmer und per WLAN anbieten, aber zu horrenden Kosten. Unter $10 pro Tag kommt man da selten weg, und das zahlt man häufig genug für eine nicht allzu stabile Verbindung. In der Schweiz trifft man fast immer auf einen Hotspot von Swisscom Mobile, der einen Zugang für lachhafte 48 CHF pro 24 Stunden erlaubt.

Wenn diese Hotels ihre Kernleistungen zu einem ähnlichen Preis-Leistungs-Verhältnis anbieten würden, könnten sie wohl zumachen.

5) Die Aufgeklärten: Es gibt tatsächlich Hotels, die kostenlosen, breitbandigen WLAN-Zugang anbieten, der tatsächlich funktioniert und schnell ist. Von den genannten drei Dutzend Hotels war das genau eines.

Faszinierend sind die WLANs an Flughäfen. Da gibt es genau zwei Typen: Inexistente und kaputte. Mir gelang es kein einziges Mal, mich für länger als drei Minuten am Stück an einem Airport-WLAN zu connecten.

Mit der Zeit lernt man auch, welches Zubehör nützlich ist. Unerlässlich sind eigene Stromverteiler, denn auch heute noch haben viele Hotels bestenfalls gerade mal eine oder zwei freie Steckdosen — viel zu wenig zum Betrieb des Geräteparks. Um Modemkabel kümmere ich mich inzwischen praktisch nicht mehr, denn wenn man mal nur eine Analog-Leitung hat, ist die meistens eh zu schlecht, um wirklich brauchbar zu sein.

Wesentlich praktischer ist da schon ein sehr kompakter WLAN-Router wie der Linksys WTR54GS (ähnliche Geräte gibt es von den meisten grossen Herstellern). Damit kann man eine drahtgebundene Leitung pragmatisch zum persönlichen WLAN umfunktionieren, was erstens bequem und zweitens vorteilhaft ist, wenn man für zwei oder mehr Leute Internet-Zugang will. Einmal war ich in einem Hotel, das leider nur auf dem Gang einen (ungenutzten) Ethernet-Anschluss hatte. Flugs den WTR54GS eingestöpselt, und schon hat man WLAN im Zimmer. Nur muss man natürlich drauf achten, dass das Putzpersonal das unbekannte Gerät nicht abräumt…

Ein Linksys WTR54GS im harten Hotel-Einsatz, direkt hinter der Minibar

Ich glaube, meine nächste Anschaffung ist eine WLAN-Karte mit externer Antenne. Wenn man die nämlich aus dem Hotelfenster hängen könnte, würde man in vielen Fällen offene, private WLANs reinkriegen, zu denen man sich mal eben verbinden könnte.

Man staunt insgesamt schon, wie stark man den heimischen Breitband-Internet-Zugang vermisst, wenn man sich die Connectivity in jedem Hotel von neuem “erkämpfen” muss. Selbstverständliche Dinge wie iTunes, Skype, internetbasiertes Backup oder die Benutzung von webbasierter Software à la Gmail oder Bloglines werden plötzlich äusserst umständlich und kompliziert.

Bloss gut, dass es heute in den meisten Ländern eine gute GPRS-Abdeckung gibt, die immerhin rudimentäre e-Mail-Kommunikation ermöglicht. Vor allem in Indien und Marokko staunte ich darüber, dass auch noch in den entlegensten Gebieten der GSM-Empfang fast perfekt und die Datendienste allzeit bereit waren. Wenn jetzt auch die Roaming-Preise mal noch etwas weniger grotesk wären, würden wir der Vision des ganz und gar ortslos verfügbaren globalen Netzes schon sehr nahe kommen.

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