Rettung naht? Planlose Zeitungen werden von noch planloseren Milliardären gekauft

Die amerikanische Medienbranche wurde letzte Woche erschüttert von der Meldung, dass der altehrwürdige Tribune-Verlag (Chicago Tribune, Los Angeles Times, Baltimore Sun etc.) vom milliardenschweren Baulöwen Sam Zell aufgekauft wurde. Zell hat keine Erfahrung in der Zeitungsbranche, besass aber immerhin vor Jahren mal ein paar Radiostationen, die er kurz später mit viel Gewinn weiterverkaufte. Den Kauf von Tribune will er nicht selbst bezahlen, sondern mit Schulden finanzieren, wie man das in Private-Equity-Kreisen halt so macht.

Ganz klar: Zell ist ein Finanzinvestor, der mit Firmen handelt wie andere Leute mit Aktien. Das ist an und für sich nicht verwerflich, aber die Journalisten finden das natürlich meistens nicht so toll. Man fürchtet massive Kosteneinsparungen bei den Tribune-Zeitungen, denn die vielen neuen Schulden des Konzerns müssen erstmal finanziert sein. Zell beilte sich zu behaupten, dass er selbstverständlich keinesfalls auf Kosteneinsparungen setze, sondern auf Umsatzsteigerungen.

Und Erzfeind Nr. Eins hat er auch schon ausgemacht: Google! Die schurkige Suchmaschine, so Zell dieses Wochenende, macht nämlich Gewinne auf Kosten der armen Zeitungen. Es müsse endlich Schluss sein damit, dass Google gratis den wundervollen Zeitungscontent für Google News kriegt.

Dieses Argument hört man aus Zeitungskreisen ständig, und nur darum wird es nicht richtiger. Google News enthält nach wie vor keine Werbeeinblendungen, und darum verdient Google keinen Cent daran. Im Gegenteil: Die Begünstigen sind die Zeitungen, die zusätzlichen Traffic bekommen über die Infrastruktur, die Google als Verlustgeschäft betreibt. Ausserdem kann jede Zeitung jederzeit ihren Content aus Google News herausnehmen lassen. Dass das die meisten nicht tun, spricht wohl für sich selbst.

Es muss wirklich schlimm stehen um die amerikanische Zeitungsbranche, wenn sich die einst stolzesten Verlage schon an irgendeinen beliebigen (wenn auch sehr erfolgreichen) Immobilienhai verkaufen müssen. Und noch schlimmer ist es, dass die neuen Eigner keine Ahnung haben, wovon sie da eigentlich reden. Kein Wunder, dass darum einst treue Zeitungsfans sich mit Grausen abwenden.

Ach, übrigens: Der Chef des Tribune-Verlags verdiente letztes Jahr trotz eines serbelnden Aktienkurses und eher trauriger Geschäftsergebnisse satte $6.3 Mio. Sergey, Larry und Eric von Google verdienten je $1 (plus Spesen) und müssen sich den Rest ihres Lebensunterhalts mit der Wertsteigerung ihrer Google-Aktien verdienen. Da scheint mir doch ein klitzekleiner Mentalitätsunterschied vorzuliegen...

Fallende Zeitungsauflagen: Ist wirklich das Internet schuld?

Dass es der Mediengattung Tageszeitung derzeit nicht besonders gut geht, ist allgemein bekannt. Allerorten jammern Verleger über fallende Auflagen und Werbeeinnahmen, Redaktionen werden verschlankt, Blattumfänge geschrumpft und Titel zusammengelegt.

Und der Schuldige ist meistens schnell gefunden: Das Internet. Insbesondere junge Leser beziehen ihre News immer mehr aus dem Netz, statt sich eine Tageszeitung zu abonnnieren, so hört man. Und dieser Vermutung stimmen im Prinzip beide Seiten zu, Printverleger und Internet-Fans.

Ein Artikel im Wall Street Journal hat mich auf die Idee gebracht, diese Erklärung mal etwas genauer zu durchleuchten. Der Artikel enthält eine Grafik, die die Auflagen der amerikanischen Tageszeitungen darstellt. Interessant daran: Ihr goldenes Zeitalter erlebten die Zeitungen Mitte der achtziger Jahre, und schon ab 1989 ging es steil bergab -- lange vor dem World Wide Web.

Wie sieht es in Europa aus? Für Deutschland publiziert die IVW leider nur Daten ab 1996, aber die sprechen auch eine deutliche Sprache:



Wohl kaum jemand wird behaupten, dass 1996-1998 das Internet als Newsmedium schon so wichtig war, dass es einen starken Auflagenrückgang hätte auslösen können. Und doch ist genau das passiert. Die Abnahme hat sich im Breitbandzeitalter seit 2001 noch beschleunigt, aber das war nicht der Auslöser.

Noch deutlicher das Bild in der Schweiz, für die der Verband Schweizer Presse Auflagezahlen seit 1939 publiziert. In die Grafik habe ich ausserdem das Aufkommen "neuer" Medien wie Fernsehen und Privatradio eingezeichnet:



Auch hier waren die besten Jahre um 1985 herum, aber der bis heute anhaltende Auflagenrückgang fing schon vor 20 Jahren an, lange vor dem Web.

Ist also gar nicht das Internet schuld, sondern sind die Probleme der Zeitungen vielleicht doch hausgemacht? Wenn man die Zahlen noch etwas genauer analysiert und interpretiert, findet man unter anderem folgende Hintergründe:

  • In vielen Fällen hat sich die Nutzung von Printmedien weg von den abonnierten Tageszeitungen hin zu anderen Formen verschoben, besonders zu Wochenmagazinen und Gratiszeitungen.
  • Schon seit den siebziger Jahren zeigt sich ein Trend deutlich: Jüngere Leute lesen immer weniger Zeitung, während die älteren den Printmedien treu bleiben. Hier zeigt sich der Effekt, dass die meisten Leute ihr in der Jugend erlerntes Medienverhalten ihr ganzes Leben lang kaum verändern, und darum wirken sich Verschiebungen durch neue Medien nur sehr langfristig aus. Die "Generation Fernsehen", die in den siebziger Jahren aufgewachsen ist, bildet heute die mittlere Altersgruppe, die auch schon viel weniger Zeitung liest als die Generation davor. Da kann man sich etwa ausmalen, was passieren wird, wenn dereinst die heute zwanzigjährigen "Digital Natives" im besten Alter sind.
  • Der Rückgang der Anzeigenumsätze verlief nicht parallel mit den Auflagenverlusten. So waren beispielsweise die späten neunziger Jahre für die meisten Zeitungen wirtschaftlich enorm erfolgreich, weil die gesamthaften Werbeausgaben massiv stiegen. Der relative Anteil der Zeitungen ging zwar zurück, aber das merkten die Verlage noch nicht in der Kasse. Erst als sich das Wachstum des Gesamtmarktes in den letzten Jahren stark verflachte, war der wirtschaftliche Effekt deutlich spürbar.
Unter dieser langfristigen Perspektive wirken die derzeit manchmal ziemlich hektisch anmutenden Aktivitäten der Zeitungsverleger nur umso müssiger, denn man versucht sich da mit Kostensenkungen und modischen Pseudo-Innovationen (jeder Journalist auch noch ein Blogger...) einem sehr langfristigen Trend entgegenzustemmen.

Der WSJ-Artikel schliesst dann auch mit dem etwas düsteren Vorschlag, dass Zeitungen in Zukunft vielleicht besser ein Non-Profit-Modell verfolgen, also sich unter den wirtschaftlichen Schutz der staatlichen Subventionen oder privaten Spenden begeben sollten. Haben Zeitungen vielleicht bald den gleichen Status wie Theater und Kunstausstellungen: Ein kultureller Luxus für die bildungsbürgerliche Elite, den sich die Gesellschaft leistet, um sich intellektueller zu fühlen als sie ist?

Die Tageszeitung: Umzingelt von Disruptoren

Derzeit komme ich am MIT gerade in den Genuss einiger Vorlesungen von Clayton Christensen, dem Guru der "disruptiven Innovation". Disruption kommt in vielen Märkten vor und passiert dann, wenn alteingesessene Firmen von neuen Konkurrenten mit neuer Technologie oder alternativen Businessmodellen "von unten" her angegriffen werden. Klassische Beispiele sind PC vs. Mainframe, Dell vs. Compaq, Billigairlines vs. etablierte Fluggesellschaften oder Skype vs. Telefongesellschaften.

Disruptive Prozesse laufen immer ähnlich ab: Die Angreifer bieten zunächst "schlechtere" neue Produkte an, die nur die Bedürfnisse der unteren Kundengruppen befriedigen, denen die existierenden Produkte zu teuer oder kompliziert sind. Die etablierten Anbieter wiegen sich darum in Sicherheit, denn die neue Konkurrenz nimmt ihnen ja nur die "schlechtesten Kunden" ab. Aber leider werden die neuen Produkte immer besser und fressen sich von unten her durch die Marktsegmente, bis schliesslich die alten Anbieter fast völlig verdrängt werden und die Disruptoren zum neuen Establishment werden (das dann seinerseits wieder von unten angegriffen wird, wie es derzeit gerade Dell passiert).

Eins der Beispiele von Christensen betrifft auch Tageszeitungen und ist aus einer weiteren Perspektive heraus interessant: Etablierte Anbieter wissen nämlich meistens gar nicht so genau, warum die Kunden ihre Produkte überhaupt kaufen. Verleger denken beispielsweise, dass die Leser das schöne, abgerundete Produkt Tageszeitung erwerben, mit all seinen reichen Facetten, mit dem Kulturteil, dem Leitartikel, der Lokalberichterstattung und den schönen doppelseitigen Farbanzeigen.

In Wirklichkeit kauft der Kunde aber bestimmte Funktionen eines Produkts, die bestimmte Aufgaben erfüllen. Andere Funktionen des Produktes sind ihm oft weitgehend egal. Und darum ist der Kunde offen für jedes neue Produkt, das eine für ihn wichtige Aufgabe billiger, einfacher oder besser lösen kann.

Im Fall der Zeitungen: Die folgenden Aufgaben kann eine Zeitung für einen Kunden im Prinzip erfüllen. Und zu jedem Beispiel gibt es Disruptoren, die diese eine Aufgabe eigentlich besser und/oder billiger lösen:
  • "Mach meine Fahrt zur Arbeit interessanter": Gratiszeitungen, iPod
  • "Halt mich informiert über das Weltgeschehen und den neusten Klatsch, damit ich mitreden kann": Newswebsites, Gratiszeitungen
  • "Hilf mir, mein Auto oder mein Haus zu verkaufen": Immobilien- und Auto-Websites
  • "Zeig mir, wo es gerade Sonderangebote gibt": Direct Mail
  • "Hilf mir, die besten Mitarbeiter zu finden": Stellenmarkt-Websites
  • "Hilf mir, Käufer für meinen unnötigen Plunder zu finden": eBay und andere Kleinanzeigensites
  • "Hilf mir, mich am Abend zu entspannen": Fernsehen, iPod, Spielkonsole, Internet, ....
  • "Hilf mir, an der politischen Diskussion teilzunehmen und mich öffentlich zu äussern": Blogs, Online-Diskussionsforen
Die Liste liesse sich noch verlängern. Und das ist das grosse strategische Problem für Zeitungsverlage: Ihre fein ausbalanciertes Produkt Tageszeitung (zu dem ein ausbalanciertes Businessmodell gehört) wird von vielen Seiten gleichzeitig angegriffen, und zwar von völlig unterschiedlichen Konkurrenten. Es ist so gar nicht möglich, ein klares Feindbild zu entwickeln und eine fokussierte Verteidigungsstrategie zu entwickeln.

Die einzige Lösung kann eigentlich nur sein, präziser über Kundenbedürfnisse nachzudenken und zu akzeptieren, dass man nicht mehr "all things to all people" sein kann. Aber das ist eine ziemlich dramatische Wandlung, die ganz neue Businessmodelle nötig macht.

Transatlantische Missverständnisse: Google verliert in Belgien

Schon vor einigen Wochen gab es mal etwas Aufregung um einen Konflikt zwischen Google und belgischen Zeitungsverlagen. Die Verleger hatten Google der Copyrightverletzung beschuldigt, weil die Suchmaschine Inhalte der Zeitungswebsite auf Google News verlinkt hatte (wie sie das ja in vielen Ländern tut).

Diesem ersten Scharmützel folgte ein ausgewachsener Prozess, den Google nun verloren hat. Die Suchmaschine muss nicht nur alle Inhalte aus Google News und ihrem Cache entfernen, sondern auch noch eine Geldstrafe von 25'000 Euro für jeden Tag zahlen, an dem der rechtswidrige Zustand existierte.

Letzteres dürfte der reiche Suchgigant verschmerzen können, aber ganz offensichtlich wachsen die Bedenken, dass dieses Urteil eine Welle ähnlicher Klagen in anderen Ländern lostreten könnte. In Amerika reibt man sich die Augen und fragt sich, wie ein so kleines Land sich erdreisten kann, die Segnungen des allmächtigen Google hinterfragen zu können.

Meiner Meinung nach sind diese Diskussionen von zwei grundlegenden Missverständnissen geprägt:
  • Online-Werbung spielt in Kontinentaleuropa noch lange nicht die gleiche Rolle wie in den USA oder Grossbritannien. Damit ist auch die Bedeutung der Zeitungswebsites kommerziell geringer, und somit auch der Traffic, der immer mehr von Suchmaschinen getrieben wird, weniger bedeutsam. Amerikanische oder britische Zeitungen wären dumm, eine Suchmaschine zu verklagen, weil viele Zeitungswebsites durch gute Werbeeinnahmen inzwischen ziemlich profitabel sind und ein Grossteil der Besucher per Suchabfrage auf die Seiten gelangt.
  • Je nach Land sind die Zeitungsverlage wirtschaftlich unterschiedlich stark und vermutlich darum auch unterschiedlich klagefreudig. Ärger hat Google bisher vor allem in den frankophonen Ländern gekriegt, wo Zeitungen einen vergleichsweise geringen Teil der totalen Werbeeinnahmen erzielen (Belgien 23%, Frankreich 17%). In Pressehochburgen wie der Schweiz (52% des Werbemarktes geht an Zeitungen), Deutschland (43%) oder Schweden (55%) sehen das die Verlage deutlich gelassener, weil sie um die Stärke ihrer Brands wissen -- und das ist auch in Googles Heimmarkt USA ganz ähnlich. Eine starke Zeitungswebsite kann durch zusätzlichen Traffic aus Richtung Suchmaschinen nur gewinnen. Aber bei den schwachen Zeitungsmärkten motiviert eine verzweifelte wirtschaftliche Situation halt eher zu verzweifelten Massnahmen.

Da natürlich nationale Zeitungsverlage einen erheblich grösseren politischen und gesellschaftlichen Einfluss in ihrem Heimland haben als eine amerikanische Suchmaschine, steht Google im Fall weiterer Klagen nicht gerade gut da. Es wäre darum sicher am besten für Google, aktiv das Gespräch mit den Verlagen zu suchen.

New York Times: In fünf Jahren nicht mehr auf Papier?

Arthur Sulzberger Jr., Herausgeber der New York Times, gibt eigentlich keine Interviews. So viel zum Thema "Eat your own dog food" in der Medienbranche. Auf dem WEF in Davos liess er sich in Anwesenheit von Journalisten aber doch einige Statements zu seiner Firma und deren Zukunft entlocken.

Die New York Times ist klar eines der globalen Leitmedien und zudem ein Konzern, der im Online-Bereich relativ erfolgreich ist. Bereits hat die Online-Variante der Times mehr Leser (1.5 Mio.) als die gedruckte Ausgabe. Trotzdem ist die Firma unter massivem Druck und musste gerade kürzlich einen grossen Abschreiber auf ihre diversen Beteiligungen verdauen. Sulzbergers Aussagen zeigen auch, wie verunsichert derzeit Zeitungskonzerne selbst mit dem Kaliber einer NYT sind.

Sulzberger sieht sein Hauptprodukt jedenfalls unabhängig vom Transportmedium:
"I really don't know whether we'll be printing the Times in five years, and you know what? I don't care, either."
Eine mutige Aussage für einen Zeitungskönig. Sulzberger meinte sogar, dass sich die NYT in einer Wandlungsphase befindet, die erst enden wird, wenn die Zeitung nicht mehr auf Papier erscheint. Durch die viel niedrigeren Kosten des Onlinemediums im Vergleich zum Printprodukt geht Sulzberger davon aus, dass Medienkonzerne trotz der niedrigeren Internet-Umsätze gleich viel verdienen können.

Zum Thema Zukunftsentwicklungen:
"We live the Internet world. We have, for example, five people working in a special development unit, whose whole job is to initiate and develop things in the electronic world - Internet, cellular, whatever comes. And do you know who our biggest customer is, at the level of the group? Google!"
Na ja, dass ein Entwicklungsteam mit fünf Mann gegen ein paar zehntausend Informatiker bei Google, Yahoo und Konsorten viel zu bestellen haben werden, darf man wohl bezweifeln. Dass Google der grösste Kunde sein soll, bezieht sich vermutlich darauf, dass auf der NYT-Site viele Google Ads geschaltet sind. Da fragt man sich dann nur, wer da genau an wem verdient.

Amerikanische Printmedien: Durchhalteparolen für $75 Mio.

Die Printmedien in den USA machen gerade ziemlich harte Zeiten durch. In den letzten Tagen häuften sich wieder mal die schlechten Nachrichten. Um nur einige zu nennen:

  • Time Inc., der grösste Zeitschriftenverlag mit Titeln wie "Time" und "People", entlässt fast 300 Angestellte, viele davon im redaktionellen Bereich. Die Redakteure von Time sollen in Zukunft ihre Stories allein produzieren und nicht mehr wie bisher in kleinen Teams von Korrespondenten. Das mag ja billiger sein, aber ob es auch die Qualität der Berichterstattung erhöht?
  • Die New York Times Company schreibt $800 Mio. auf die Bewertung ihrer kleineren Titel ab. Diese Zeitungen, die primär im Nordosten Amerikas erscheinen (u.a. der renommierte Boston Globe) wurden von der NYT einst für etwa $1.4 Mia. gekauft. Die Reste dieser misslungenen Investition will man nun möglichst bald verkaufen. Interessiert ist unter anderem Managerlegende Jack Welch, der sich den Boston Globe vermutlich als persönliches Beweihräucherungsorgan anschaffen will, nachdem die Presse sonst oft gemein war zu ihm.
  • Die Umsätze aus Printanzeigen fielen im 3. Quartal 2006 um 2.6% gegenüber dem Vorjahr. Klingt nicht nach viel, aber angesichts des sonst relativ positiven Werbemarktes ist es enttäuschend. Auch die Prognosen sind düster: Selbst die optimistischsten Vorhersagen gehen nur gerade davon aus, dass die Printmedien ihre Anzeigenumsätze knapp halten können.
Dem allgemeinen Verdruss will die Zeitungsbranche nun entgegentreten. Und zwar nicht etwa mit Produktinnovationen, höherer Qualität oder mehr Leserorientierung, sondern ... mit einer Werbekampagne. Satte $75 Mio. will der Verband der Zeitungsverleger ausgeben, um den dummen Inserenten klar zu machen, dass es den Zeitungen ja wirklich gut geht, eigentlich. Und dass man doch bitte wieder mehr Printanzeigen schalten sollte.

Dabei kommen überzeugende Slogans zum Einsatz wie zum Beispiel "The Internet is the best thing to happen to newspapers since the paper boy."

Genau. Man muss die Dinge nur positiv sehen, auch wenn die Situation scheinbar schwierig ist. Macht George W. ja auch beim Irakkrieg mit Erfolg.

Web-2.0-Bubble jetzt auch in Deutsch: Holtzbrinck kauft StudiVZ

Das war ja eigentlich nur eine Frage der Zeit: Die umstrittene deutschsprachige Facebook-Kopie StudiVZ ging heute über den Ladentisch. Der glückliche (?) Käufer ist die Verlagsgruppe Holtzbrinck, die für die Website mit einer Million registrierten Usern 85 Millionen Euro hinblättert (davon 50 Mio. gleich bar auf die Hand).

Mitbieter Springer wollte zuletzt gar 120 Millionen bieten, aber das Holtzbrinck-Angebot war den Gründern laut Financial Times Deutschland sympathischer. Ist das nicht herzerwärmend? Dass jungen Leuten heute ein bisschen Sympathie noch satte 35 Mio. wert sein kann...

Wenn man den ersten Berichten glauben darf, weiss Holtzbrinck auch noch nicht so ganz genau, was es mit dieser (nach wie vor defizitären) Social-Networking-Site eigentlich anfangen soll, geschweige denn, wie man damit Geld verdienen will. Holtzbrinck ist ja schon in letzter Zeit durch heftiges Experimentieren im Online-Sektor aufgefallen, bisher aber mit nicht allzu vielen sichtbaren Ergebnissen. Dem hauseigenen Incubator "Holtzbrinck e-Lab" scheint man jedenfalls den Bau einer eigenen Netzwerk-Seite nicht zuzutrauen und kauft lieber was von aussen dazu.

Und hier noch ein Blick auf die Zahlen: StudiVZ publiziert keine Umsatzzahlen, lediglich die Zahl der registrierten Nutzer wird mit einer Million angegeben. Das wäre dann also ein Preis von stolzen 85 Euro pro User. Nicht schlecht. Nur die Gründer von Facebook wollen noch mehr Geld und haben angeblich schon Angebote über $1.5 Millarden abgelehnt. Auf die gut 10 Mio. User runtergerechnet wären das dann $150 pro Studi. Zum Vergleich: Rupert Murdoch zahlte damals für Myspace nur $17 pro User. Der gute Rupert steht eben früher auf und kriegt die Ware darum billiger. Ach ja, und noch ein Unterschied: Murdoch kaufte Myspace bevor es Skandale verursachte, nicht als der Ruf schon ziemlich angeschlagen war.

Vielleicht kann mir jemand mal erklären, warum alle alten Medienkonzerne von diesen Studi-Seiten so wahnsinnig fasziniert sind. Nicht mal bei OpenBC verstehe ich die derzeitige Börsenbewertung von etwa EUR 100 pro User, und das sind immerhin vorwiegend berufstätige, ziemlich zahlungskräftige Benutzer, die vermutlich diese Site über Jahre hinweg nutzen werden.

Aber wie soll eine Studi-Site so viel Geld verdienen können, um solche Bewertungen zu rechtfertigen? Ich glaube mich daran erinnern zu können, dass man als Student zwar viel Zeit zur Benutzung alberner Websites, aber nur wenig verfügbares Einkommen hat. Studenten werden einen Teufel tun, so einer Website Gebühren zu zahlen, und für Werbetreibende ist die Site höchstens aus einer langfristigen Perspektive interessant (etwa so ähnlich wie die Inserate in einer Studentenzeitung). Nach dem Eintritt ins Berufsleben verkehrt sich das Zeit/Einkommens-Verhältnis dann meistens ins Gegenteil, und die ganzen Ex-Studis werden mit Garantie StudiVZ verlassen und zu OpenBC, LinkedIn und Konsorten wechseln. Sorry, aber die Loyalitätsspanne im Online-Zeitalter dauert genau einen Mausklick lang. Ob das wohl wirklich 85 Millionen wert ist?

Die Kunst der Berichterstattung über Studien: Wenn aus Äpfeln plötzlich Orangen werden

Aus dem Nichts tauchte im Schweizer Internet-Newsdienst Netzticker heute plötzlich folgende bemerkenswerte Meldung auf:
"In den USA wird das Internet das Medium Print punkto Werbeausgaben noch in diesem Jahr überholen."
Interessant, denkt man sich, das ist aber eine sehr heftige Entwicklung. Kürzlich war das Internet doch noch bei weniger als 3% des gesamten Werbeaufkommens und Print-Medien immerhin deutlich über 30%. Der Kürzest-Bericht bezieht sich auf eine neue Studie von Merrill Lynch. Der Konkurrenz-Newsletter von persoenlich.com übernahm die Story flugs (oder vielleicht war's auch umgekehrt rum, wer weiss), ergänzt um ein paar weitere Informationsschnipsel über die armen Print-Verleger und ihre Versuche, im Online-Medium Fuss zu fassen.

Einigermassen neugierig machte ich mich auf die Suche nach der Quelle dieser unglaublichen Story und stiess nach etlichen Layern von Copy-Paste-Journalismus und Verlinkungs-Blogging auf diesen Artikel im Fachmagazin AdAge:
It's a moment that has been anticipated for a decade, but that makes it no less seminal. This is the year, according to Merrill Lynch, the Internet collects more ad dollars than magazines.

Das Problem an der Sache: Dort wird nicht davon gesprochen, dass das Internet die Print-Medien überholt, sondern lediglich "Magazines", also Zeitschriften. Das ist ein sehr erheblicher Unterschied. Zeitschriften machen nur einen Teil der Werbeumsätze der Print-Medien aus, in der Schweiz beispielsweise nur etwa 40% (laut MediaFocus) und in den USA sogar nur etwa 26% (laut AdAge).

Das Internet überholt also auch in den USA keineswegs "die Print-Medien", sondern nur einen vergleichsweise kleinen Teil des Print-Marktes -- wohlgemerkt, falls das dieses Jahr überhaupt passiert, denn es handelt sich wie immer um eine Prognose. Wie die Trends laufen, ist natürlich klar, und auch das Überholen des Zeitschriftensektors wäre ein bemerkenswerter Erfolg für die Online-Werbung. Aber ganz so tragisch ist die Situation der Print-Medien dann doch auch wieder noch nicht.

Die meisten Studien vergleichen ja bekanntlich sowieso Äpfel mit Birnen, und das ist hier kaum anders. Schön wäre es aber, wenn die Journalisten solche Ergebnisse genau lesen und präzise übersetzen würden, damit aus den Birnen nicht plötzlich Orangen oder gar ganze Orangenbäume werden...

Washington Post: News remixed mit RSS

Die meisten traditionellen Medienhäuser tun sich ja immer noch reichlich schwer mit diesem neumodischen RSS-Kram. Einige (z.B. die oder die) haben noch nicht mal einen RSS-Feed, und bei wieder anderen (z.B. bei denen) beschränkt sich der Feed unpraktischerweise auf die reinen Headlines. Nicht sehr kundenfreundlich und gewiss nicht innovationsträchtig.

Da ist es doch sehr erfrischend, wenn ein traditionsreicher Zeitungstitel wie die Washington Post den Stier bei den Hörnern packt und die Netz-Community proaktiv auffordert, mit seinen RSS-Feeds neue Dinge zu bauen: Post Remix nennt sich das. Die Washington Post ermuntert interessierte Entwickler dazu, ihren Content in beliebigen, allerdings ausschliesslich nicht-kommerziellen Mashups zu verwursten.

Die ersten Resultate sind noch nicht weltbewegend, aber zeigen, wohin diese Sache gehen könnte. Alternative Zugangswege zu News (Tagclouds, geographische Einordnung usw.) sind im Zeitalter der Informationsüberflutung nie schlecht, und die Washington Post öffnet hier spannende Möglichkeiten.

Aber warum um Himmels willen machen die das? Schliesslich können sie zu ihren Feeds nicht mal Werbung verkaufen.

Ich denke, es gibt zwei Gründe: Erstens wird der Content der Washington Post damit stärker verbreitet, und am Schluss landet der interessierte Leser sowieso auf der Post-Website (samt Werbeeinblendung und Registrierung). Der imagefördernde Coolness-Effekt in einer sehr relevanten Zielgruppe schadet dabei sicher auch nicht.

Zweitens: Die Washington Post kann sich so die kostenlose Forschungsarbeit von talentierten Developern sichern. Schliesslich suchen alle Medienkonzerne nach neuen Wegen zum heute so sprunghaften Kunden, und was wäre da effizienter, als andere Leute schon mal gratis damit experimentieren zu lassen? Wenn etwas dabei herauskommt, was tatsächlich funktioniert, hat man es schnell eingekauft oder kopiert, und falls nix draus wird, hat es auch nicht viel gekostet.

Man könnte sich nur wünschen, dass mehr Medienkonzerne sich so verhalten würden -- in ihrem eigenen Interesse letztlich.

(via BusinessWeek)

Verkehrte Welt: Ex-FT-Chefredakteur gegen, Google für Print-Medien

Der "Media Guardian" (kostenlose Registrierung nötig) berichtet über eine Kolumne des gerade gefeuerten Chefredakteurs der Financial Times, Andrew Gowers. Dieser lässt sich in deutlichen Worten über die seiner Meinung nach inexistente Zukunft der Print-Medien aus:

"Working in print, pure and simple, is the early 21st century equivalent of running a record company specialising in vinyl," Mr Gowers said.

"The future lies with the internet, and those newspapers that survive will be those that produce truly original content and learn fastest how to translate it into the all-encompassing, all-singing, all-dancing new medium of the web."
Auch wenn man natürlich diese Aussagen abtun kann als Verbalattacke eines verbitterten Ex-Chefredakteurs, muss man Gowers allemal zugestehen, dass er weiss, wovon er redet. Die Financial Times ist eine der wenigen Zeitungen, die ein wirklich vernünftiges Online-Angebot aufweisen kann. Gowers will nicht verraten, aufgrund welcher "strategischer Differenzen" er entlassen wurde, aber diese Aussagen lassen zumindest vermuten, dass es was mit Internet zu tun haben könnte.


Google, eine Firma, die bekanntlich dem Internet gegenüber mehrheitlich positiv eingestellt ist, sieht die Zukunft der Print-Medien währendessen nicht ganz so negativ, wie SmartMoney berichtet. Schon seit Monaten experimentiert Google mit dem Verkauf von Print-Werbung, zunächst nur in IT-Fachzeitschriften.

In einem nächsten Schritt will Google nun offenbar auch Werbung in Tageszeitungen an ihre Werbekunden vermitteln. Wie das genau aussehen wird, ist noch nicht bekannt, aber die Grundrichtung ist konsistent mit den zunehmend klarer werdenden Plänen der Suchmaschine, auch in den klassischen Medien eine wesentliche Rolle zu spielen.

Und da Google mit sowas ja auch nie viel Zeit verliert, gibt es bereits einen Online-Service, natürlich wie immer in Beta: Google Publication Ads.


Tja, da kann man nur sagen: "The grass is always greener on the other side of the fence".


(via Medienspiegel und Memeorandum)
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