Aus dem Nichts tauchte im Schweizer Internet-Newsdienst Netzticker heute plötzlich folgende bemerkenswerte Meldung auf:
"In den USA wird das Internet das Medium Print punkto Werbeausgaben noch in diesem Jahr überholen."
Interessant, denkt man sich, das ist aber eine sehr heftige Entwicklung. Kürzlich war das Internet doch noch bei weniger als 3% des gesamten Werbeaufkommens und Print-Medien immerhin deutlich über 30%. Der Kürzest-Bericht bezieht sich auf eine neue Studie von Merrill Lynch. Der Konkurrenz-Newsletter von persoenlich.com übernahm die Story flugs (oder vielleicht war's auch umgekehrt rum, wer weiss), ergänzt um ein paar weitere Informationsschnipsel über die armen Print-Verleger und ihre Versuche, im Online-Medium Fuss zu fassen.

Einigermassen neugierig machte ich mich auf die Suche nach der Quelle dieser unglaublichen Story und stiess nach etlichen Layern von Copy-Paste-Journalismus und Verlinkungs-Blogging auf diesen Artikel im Fachmagazin AdAge:
It's a moment that has been anticipated for a decade, but that makes it no less seminal. This is the year, according to Merrill Lynch, the Internet collects more ad dollars than magazines.

Das Problem an der Sache: Dort wird nicht davon gesprochen, dass das Internet die Print-Medien überholt, sondern lediglich "Magazines", also Zeitschriften. Das ist ein sehr erheblicher Unterschied. Zeitschriften machen nur einen Teil der Werbeumsätze der Print-Medien aus, in der Schweiz beispielsweise nur etwa 40% (laut MediaFocus) und in den USA sogar nur etwa 26% (laut AdAge).

Das Internet überholt also auch in den USA keineswegs "die Print-Medien", sondern nur einen vergleichsweise kleinen Teil des Print-Marktes -- wohlgemerkt, falls das dieses Jahr überhaupt passiert, denn es handelt sich wie immer um eine Prognose. Wie die Trends laufen, ist natürlich klar, und auch das Überholen des Zeitschriftensektors wäre ein bemerkenswerter Erfolg für die Online-Werbung. Aber ganz so tragisch ist die Situation der Print-Medien dann doch auch wieder noch nicht.

Die meisten Studien vergleichen ja bekanntlich sowieso Äpfel mit Birnen, und das ist hier kaum anders. Schön wäre es aber, wenn die Journalisten solche Ergebnisse genau lesen und präzise übersetzen würden, damit aus den Birnen nicht plötzlich Orangen oder gar ganze Orangenbäume werden...