48 Stunden mit dem iPhone: Ein erstes Fazit

So, knapp zwei Tage ist es jetzt her, dass ich mir das möglicherweise meistgehypte Gadget der Geschichte gekauft habe. Und, ehrlich gesagt, den grössten Teil dieser Zeit habe ich mit dem iPhone verbracht.

Wer an Details interessiert ist: Drüben auf neuerdings.com kann man die ausführlichen Testberichte nachlesen, die Chefredakteur Pit Sennhauser und ich verfasst haben.

Alle paar Jahre gibt es in der Technologiebranche ein Produkt, das eine neue Phase eröffnet, eine Produktkategorie definiert und festlegt, wie das Spiel von da an gespielt wird. Um einige zu nennen: Der Apple II, der IBM PC, der erste Macintosh, das IBM Thinkpad. Oder bei der Software Lotus 123, Microsoft Office, Lotus Notes, Netscape Navigator. Und bei den Mobilgeräten das Motorola StarTAC, der Palm Pilot, der erste Nokia Communicator, der iPod, der Blackberry. Aber natürlich gibt es auch eine lange Liste von Produkten, bei deren Vorstellung man hohe Erwartungen hatte, die sich aber als Flop herausstellten: der IBM PCjr., der Apple Newton, Microsoft Bob, das Iridum Satellitentelephon, der erste Tablet PC.

In welche Kategorie wird das iPhone gehören?

Ich bin ziemlich überzeugt davon, dass es zu den "game-changing" Produkten gehört und verändern wird, wie der Mobiltelefonmarkt funktioniert, was wir für Anforderungen an ein Mobiltelefon stellen und was man mit einem Mobilgerät machen kann. Neben allen netten Features und diversen Schwächen, die das Ding bietet, stechen drei revolutionäre Aspekte besonders heraus:

  • Der erste mobile Web-Browser, der diesen Namen uneingeschränkt verdient. Nach zwei Tagen iPhone hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, richtiges mobiles Internet zu haben. Selbst der sehr gute Nokia-Browser sieht da uralt aus. Zwar ist der iPhone-Browser noch nicht in allen Aspekten perfekt, aber sehr nahe dran. Das könnte die Art ändern, wie wir mobile Applikationen verwenden.
  • Ein Userinterface, das schlicht um Grössenordnungen besser ist als alles, was man bisher auf Mobiltelefonen gesehen hat. Zuerst stechen die vielen schicken Spezialeffekte und Animationen ins Auge, aber die sind eigentlich Nebensache. Die Oberfläche des iPhones ist konsistent, übersichtlich, effizient und vor allem ohne jede Hilfe sofort intuitiv zu bedienen. Kein Vergleich mit den Menüwüsten der Konkurrenz. Das ist ein Schritt fast wie von MS-DOS zu Mac OS X.
  • Bisher erst am Rande relevant, aber mit Sprengkraft: Apple definiert das Kundenerlebnis, nicht der Mobilfunkoperator. Wer wie ich den Fehler gemacht hat, das Gerät im AT&T-Laden zu kaufen, wurde nochmal voll der bekannten Operator-Hölle ausgesetzt: Schlecht geschulte Verkäufer, die mit grauenhaft langsamen Systemen idiotische Kreditchecks machen müssen und vom Management gezwungen werden, den Kunden überteuertes Zubehör anzudrehen. Mein iPhone wurde in eine eigens für den Anlass hergestellte Plastiktüte verpackt, die einen langen Disclaimer aufgedruckt hatte (!). Kleiner Hinweis an AT&T: Ihr beschäftigt zu viele Juristen.
    Anders im Apple Store: Nette junge Leute verkaufen einem sofort ohne Papierkrieg das elegant verpackte Produkt. Man trägt selbiges nach Hause, aktiviert es per Internet und kann sofort loslegen. Die Probleme der ersten iPhone-Nacht hatten offenbar vor allem mit den überlasteten AT&T-Systemen zu tun, aber das dürfte jetzt gelöst sein.
    Und alles, was man von AT&T dann noch sieht, ist das Netzkennzeichen. Kein Walled Garden à la Vodafone Live, kein Versuch, einem ständig überteuerte Klingeltöne anzudrehen. Und das iPhone hat eine klare Präferenz für schnelle WLANs, nicht das lahme Netz des Operators. Gut so.
Natürlich kann man dem iPhone viele Dinge vorwerfen, und über die Schwächen kann man ausführlich in den diversen Testberichten lesen (auch in unseren bei neuerdings.com). Mich persönlich stören am meisten die fehlende Copy/Paste-Funktion und die ziemlich dünnen Organizer-Funktionen. An die zunächst oft kritisierte Bildschirmtastatur gewöhnt man sich hingegen recht schnell. Besonders schade ist auch, dass es bisher keine Möglichkeit gibt, weitere Applikationen zu installieren. Aber bereits tauchen erste speziell für das iPhone entwickelte Web-Anwendungen auf.

Apple ist extrem gut darin, sich auf Dinge zu konzentrieren, die wirklich wichtig sind und den Rest einfach zu ignorieren. Beispiele gefällig? Das iPhone unterstützt kein MMS. Hand hoch, wer in den letzten Monaten mehr als 3 MMS verschickt hat. Man kann keine Spreadsheets editieren. Hab ich einmal auf meinem Windows-Mobile-PDA ausprobiert und nie mehr gemacht. Bisher kann man keine zusätzlichen Klingeltöne installieren. Gut so, keine "Crazy Frog"-Gefahr.

Dafür hat das iPhone viele Nettigkeiten, die man sich von einem intelligenten Gerät erwarten würde. Zum Beispiel zeigt es einen den Wetterbericht und Börsenkurse auf Knopfdruck, ohne jede Wartezeit. Und die Voicemail-Funktionalität ist schlicht spektakulär.

Klar, das iPhone ist noch zu teuer, um wirklich zum Massenprodukt zu werden. Aber auch das ist eine Frage der Zeit. Das Gerät setzt jedenfalls die Latte sehr hoch und wird die anderen Mobiltelefon-Hersteller zwingen, mit attraktiven Geräten nachzuziehen. Und vor allem auf der Softwareseite kann man ganz offensichtlich noch viel machen.


Noch eine Nebenbemerkung: Während in den USA die Presse sehr differenziert, aber mit klar positivem Grundton berichtet, übt sich die deutschsprachige Presse wieder mal in Sauertöpfigkeit. Das Schweizer Fernsehen findet die technischen Probleme in den Anmeldesystemen am meldenswertesten. Der Multimediaredakteur der Sonntagszeitung hat ganz offensichtlich noch nie ein iPhone in der Hand gehabt, weiss aber trotzdem zu berichten, dass es Apple ja nur darum geht, teure Filme zu verkaufen und dass die Telefonfunktionen nur Nebensache sind. Soso. Und der Klein Report zitiert statt kompetenter englischsprachiger Quellen lieber die Sonntagszeitung und berichtet über "ernüchternde Fachberichte". Komischerweise sind die Berichte in deutschsprachigen Medien, die sich einen Korrespondenten vor Ort leisten, hingegen mehrheitlich positiv.

iPhone-Hype in den USA erreicht den Siedepunkt

Noch zweimal Schlafen, dann ist für amerikanische Gadget-Freaks Weihnachten, Ostern, Neujahr, Geburtstag und mindestens sämtliche weiteren Feiertage gleichzeitig: Das Apple iPhone kommt endlich auf dem Markt. Der Hype war ja schon seit der Ankündigung des angeblich revolutionären Produkts im Januar unerhört, aber die Aufregung, die man derzeit hier in den USA erlebt, übertrifft wohl alles Dagewesene für ein Elektronikprodukt.

Seit etwa zwei Wochen kann man keine Zeitung mehr aufschlagen, in der nicht mindestens ein iPhone-Artikel vorkommt. Die meisten sind in leicht ironisch-abschätzigem Ton verfasst und weisen darauf hin, dass es ja diverse viel bessere Smartphones auf dem Markt gibt, dass das iPhone viel zu teuer ist, und überhaupt. Und man merkt immer zwischen den Zeilen, dass der Autor vor allem sauer ist, dass er nicht zum auserwählten Kreis derjenigen Journalisten gehört, die vorab ein iPhone zum Test erhalten haben.

Diese kleine Elite hat nämlich gestern abend endlich ihre Testberichte publizieren dürfen, die auf etwa zwei Wochen Erfahrung mit dem Gerät beruhen. Und die Gadgetgurus von Wall Street Journal, New York Times, Newsweek und USA Today sind sich einig: Das iPhone hat zwar einige Schwächen, aber "ist den Hype wert". Was wohl ungefähr so ist, wie wenn man sagen würde "Ein Ferrari ist eigentlich ein extrem billiges Auto, für das was er leistet". Walter Mossberg nennt das iPhone einen "breakthrough handheld computer", David Pogue von der New York Times "revolutionary", und so weiter.

Der Newsweek-Schreiberling lässt durchblicken, dass Apple auch bei diesen Testberichten nichts dem Zufall überlassen hat. Die Journalisten kriegten Anrufe von Steve Jobs höchstpersönlich, der sich erkundigte, wie sie denn so zufrieden seien mit dem Gerät. Was macht man als Gadgetjournalist, wenn man einen Anruf vom vermutlich mächtigsten Mann der Gadgetbranche kriegt? Sagt man "Danke der Nachfrage, aber ich schreib sowieso einen Verriss"? Eben. Und darum haben auch alle brav Testberichte verfasst, die streckenweise an unkontrollierten Enthusiasmus grenzen.

Das wird natürlich die Hysterie noch weiter anheizen. Währenddessen hört man von Leuten, die sich in New York bereits drei Tage vorher in die Schlange vor dem Apple-Store stellen. Hier in Boston hab ich das noch nicht gesehen, aber das kommt sicher auch noch.

Und bevor jemand fragt: Ja, am Freitag stelle ich mich auch in die Schlange und versuche, so ein Ding zu ergattern. Ist ja schliesslich Ehrensache.

Plattenkonzern EMI gibt Kopierschutz auf

Nicht schlecht: Nur zwei Monate, nachdem Steve Jobs von der Musikindustrie gefordert hat, den digitalen Kopierschutz (DRM) für online gekaufte Songs aufzugeben, fällt auch schon der erste Plattenkonzern:

EMI gab gerade in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Apple bekannt, in Zukunft auf DRM verzichten zu wollen, zumindest für einen Teil des Katalogs. Im Moment scheint die freie Musik auf Apples iTunes-Store begrenzt zu sein, aber es ist wohl anzunehmen, dass EMI auch weitere Kanäle nutzen wird.

Das ist ein grosser Sieg für Apple und ein Glaubwürdigkeitsbeweis für Steve Jobs, denn nach dem Aufruf im Februar vermuteten viele, dass es sich nur um ein Manöver zur Ablenkung der Apple-kritischen europäischen Wettbewerbsbehörden handeln könnte. Aber Apple scheint es ernst zu sein mit der freien Musik, und damit nimmt der iPod-Herstellern auch seinen Kritikern den Wind aus den Segeln. Und dem eh schon kaum übertreffbaren Image bei Musikfreunden schadet das garantiert auch nicht.

Die Konsequenzen könnten interessant sein: Auf der einen Seite gibt Apple damit einen potentiellen Lock-In-Mechanismus auf, der aber sowieso nur schwach ausgeprägt ist (der durchschnittliche iPod-User hat nur 20 gekaufte Songs auf dem Gerät). Der Wettbewerb bei den MP3-Playern verschiebt sich also definitiv zur Qualität der Geräte, und da ist Apple sicher nicht schlecht positioniert. Steve Jobs ist eben ein Hardware-Guy, und das zeigt sich auch hier wieder mal in aller Deutlichkeit.

Auf der Seite der Plattenkonzerne wird es jetzt richtig interessant, denn nach ziemlich dramatischen Rückgängen in den CD-Verkäufen (minus 20% gegenüber dem Vorjahr) musste ja mal endlich jemand handeln. Es wäre schön, wenn die Verkäufe in den Online-Stores nun dramatisch anziehen würden. Davon haben schlussendlich alle etwas.

Mac auf dem Vormarsch

Gut, ich bin als relativ frischgebackener Apple-User natürlich sehr voreingenommen, aber diese Nachricht ist doch recht bemerkenswert: Die Analystenfirma Needham & Co. schätzt, dass Apples Marktanteil im PC-Markt in USA und Europa bis 2016 auf satte 40% (von heute 9%) steigen wird. Da sich die relativ teuren Macs in anderen Weltgegenden weniger gut verkaufen, wird der globale Marktanteil aber trotzdem nur 8.3% betragen. Natürlich sind solche Langfrist-Prognosen immer sehr fragwürdig (vor 10 Jahren hätten die meisten den heutigen Mac-Marktanteil wohl auf 0% geschätzt...), aber es illustriert doch recht schön einen klaren Trend.

Interessant auch dieser Artikel im CIO Magazine, in dem ein renommierter CIO der Reihe nach Mac, Linux und Windows testet und feststellt, dass er den Mac am meisten mochte. Deckt sich mit meinen Erfahrungen.

Falls es jemanden interessieren sollte: Ich bin mit meinen beiden neuen Macs weiterhin höchst zufrieden. Mein vor einem Monat gekauftes MacBook Pro habe ich in dieser Zeit ganze zwei Mal booten müssen (sämtliche initialen Softwareinstallationen mitgerechnet). Das schafft man bei Windows ja meistens schon an einem einzigen Tag. Aber Windows habe ich natürlich immer noch. Als Gast-Betriebssystem auf einer Virtual Machine, falls man mal komische Fileformate anschauen muss. Funktioniert prima.

Einzige Wermutstropfen bisher (abschliessende Aufzählung):
  • Die MacBook-Tastatur könnte gern dedizierte Tasten für Page Up/Down haben.
  • Aus irgendeinem Grund haben MacBooks keine analogen Mikrofoneingänge. Aber es gibt ja USB-Mikrofone.
  • Der eingebaute DVI-Anschluss ist natürlich viel moderner als altmodisches VGA, aber wenn man häufig Präsentationen gibt, muss man immer ein Adapterkabel mitnehmen. Nicht schlimm, aber gelegentlich nervig.
  • Die Microsoft-Office-Suite auf dem Mac ist zwar gut, aber nicht immer superstabil. Und ausserdem gibt es manchmal subtile Inkompatibilitäten mit der Windows-Welt. Nichts Schlimmes, nur einige Bildformate verhalten sich etwas komisch.
Gerade heute, zur Feier des Produktlaunchs, habe ich mir wieder eine Windows-Vista-Demo bei einem Kollegen angeschaut. Und ich verstehe immer noch nicht, warum ich darauf wechseln sollte. Da das offenbar noch mehr Leuten so geht, wird der Mac wohl weiter Marktanteile gewinnen.

Der erste 100-Dollar-Laptop aus der Nähe

Apropos 100-Dollar-Laptop (alias One Laptop per Child): Nachdem ich in den letzten Tagen schon etwas mit der Software herumgespielt habe und mir auch schon Designmuster anschauen konnte, hatte ich heute endlich Gelegenheit, das fertige Produkt hier am MIT in Boston in den Händen zu halten. Und zwar den OLPC mit der legendären Seriennummer 001. Das fühlte sich richtig nach historischem Moment an.


(Das links bin ich, in der Mitte ein Studienkollege. Das kleine grün-weisse Ding ist der OLPC)

Leider war die Batterie alle, und die Handkurbel, mit der man manuell Energie erzeugen kann, war nicht dabei. Darum war nichts mit echtem Herumspielen.

Aber immerhin: Einen Eindruck von der Hardware konnte man trotzdem kriegen. Der OLPC ist wirklich erstaunlich kompakt, noch etwas kleiner als die meisten Subnotebooks. Trotzdem wirkt das Gerät sehr massiv gebaut (muss es wohl auch) und ist darum auch kein Federgewicht mit geschätzt knapp zwei Kilo. Die Tastatur ist ebenfalls sehr klein und wäre nichts für Vieltipper, aber sie muss sich ja vor allem für Kinderhände eignen. Obwohl sie aus wasserfestem Gummi ist und im ersten Moment sehr gewöhnungsbedürftig wirkt, haben die Tasten doch einen guten Druckpunkt. Das Layout ist PC-ähnlich, enthält aber viele OLPC-spezifische Sondertasten.

Niedlich sind die "Hasenohren", zwei ausklappbare WiFi-Antennen an beiden Seiten, die das zugeklappte Gerät gleichzeitig bombenfest verschliessen. Der Screen kann wie bei einem Tablet-PC umgedreht werden. An beiden Seiten des Screens sind Richtungstasten angebracht, die an eine Spielkonsole erinnern. Es ist wohl zu vermuten, dass auch Games ihren Weg auf den OLPC finden werden. (UPDATE: Das ging ja schnell. Hier ein Video, wie Doom auf dem OLPC aussieht. Ob das jetzt eine gute Idee war, das auf einen Kinder-PC zu portieren, sei mal dahingestellt...) Und ausserdem ist auch noch eine Kamera im Screenrahmen eingebaut. Obwohl es sich wie gesagt um ein erstes Produktionsmuster handelte, spürte man die Liebe zum Detail. In dem kleinen 100-Dollar-Gerät stecken mehr gute Design- und Usabilityideen als in fast allen normalen Laptops, die das zwanzigfache oder mehr kosten.

Der OLPC liegt wirklich gut in der Hand und ist einfach niedlich. Das Gefühl ist irgendwie ähnlich, wie wenn man zum ersten Mal einen iPod in den Händen hält: Man will dieses Ding einfach haben, egal, was es eigentlich genau macht. Aber ätsch, das Gerät ist für Kinder in der dritten Welt reserviert, westliche Gadgetfreaks werden vermutlich nicht zum Zuge kommen. Und das ist irgendwie gut so.

Die ersten OLPC-Geräte werden jetzt in nächster Zeit auf Herz und Nieren geprüft, denn bei den angestrebten Produktionsmengen (einige hundert Millionen Stück) sollten besser auch alle Kleinigkeiten stimmen. Mehr Infos zu den technischen Spezifikationen gibt es auf der OLPC-Website.

Howard Anderson (einer der Förderer des Projektes) der das Gerät mitbrachte, meinte zu den Erfolgschancen des Projektes nur lakonisch: "Wir haben jetzt Probleme mit Indien und China, und auch Microsoft und Intel und sind gegen uns. Wenn man die Hälfte der Weltbevölkerung und 90% der IT-Profite gegen sich aufbringt, muss man wohl etwas richtig gemacht haben."

Neue Forschung: Kürzere E-Mails machen erfolgreich

Der Zusammenhang zwischen IT-Einsatz und Produktivität ist seit langem ein Rätsel. Der Ökonomie-Nobelpreisträger Robert Solow stellte einmal resigniert fest: "You can see the computer age everywhere but in the productivity statistics". Und tatsächlich, so mancher CIO (und CEO) fragt sich: bringen die massiven Investitionen in Informationstechnologie überhaupt etwas?

Ich habe hier am MIT in Boston gerade das Vergnügen, einen Kurs bei Erik Brynjolfsson zu absolvieren, dem heimlichen Erfinder des "Long Tail" und einem der führenden Forscher auf dem Gebiet der IT-Produktivität. Sein neustes Forschungspapier zu diesem Thema ist bemerkenswert. Brynjolfsson und seine Kollegen Aral und Van Alstyne untersuchten über fünf Jahre hinweg eine Firma (im Bereich "Executive Search", im Volksmund auch "Headhunter" genannt) und ihre Kommunikationsmuster im Detail. Mit dieser umfangreichen Studie förderten sie einige wirklich interessante Ergebnisse zutage. Vieles davon "weiss" man intuitiv, aber bisher wurden diese Dinge noch nie empirisch aufgezeigt.

Die Forscher untersuchten, welches Kommunikations- und IT-Verhalten den Erfolg individueller Mitarbeiter (gemessen am direkt erzeugten Umsatz und der individuellen Entlöhnung) förderten. Natürlich ist die Situation bei einer Executive-Search-Firma recht speziell, aber jede Consultingfirma, Investmentbank oder Anwaltskanzlei funktioniert ähnlich, und die meisten Ergebnisse lassen sich wohl auch auf andere Typen von Firmen übertragen.

Herausgefunden wurde unter anderem folgendes:
  • Die Informationsüberflutung, unter der wir alle zu leiden glauben, ist keine absolute Sache. Die Mitarbeiter der untersuchten Firma empfanden ihre Informationslast ganz unterschiedlich. Mit der Anzahl der empfangenen E-Mails hatte das nichts zu tun, sehr wohl aber mit mangelhaften IT-Kenntnissen und der fehlenden Unterstützung durch Sekretariate. Besonders relevant war die Antwortzeit der Kollegen: Je mehr Zeit die sich nämlich für eine Reaktion lassen, desto überfluteter fühlt man sich. Woraus wir lernen: Schnelles Antworten auf E-Mails reduziert den Stress für alle Beteiligten.
  • Die erfolgreichsten Mitarbeiter schrieben kurze E-Mails mit einem klaren, einzelnen Thema. Darauf erhielten sie schneller eine Antwort, und damit konnte die Arbeit schneller vorangehen.
  • Besonders erfolgreich waren diejenigen, die ihre E-Mails zeitlich gut strukturiert bearbeiten, also nicht gleich sofort reagieren, sondern z.B. drei Mal am Tag ihre Inbox abarbeiten. Zu welcher Tageszeit man das macht, war aber egal.
  • Starke IT-Nutzung beschleunigt die Arbeit nicht, aber ermöglicht mehr Multitasking. Die erfolgreichsten Mitarbeiter der Firma jonglierten mit mehr Projekten gleichzeitig und nutzten E-Mail stärker als ihre Kollegen, weil man damit verschiedenste Kommunikationspartner effizienter bedienen kann. Aber Achtung: Zu viel Multitasking reduziert die Produktivität dramatisch. Man kann sich die Produktivitätskurve als umgedrehtes "U" vorstellen, und darauf muss man das Optimum finden.
  • Entscheidend für den Erfolg ist die soziale Vernetzung, egal ob über E-Mail oder andere Wege. Die erfolgreichsten Mitarbeiter unterhielten viele Kommunikationsbeziehungen zu unterschiedlichsten Partnern, insbesondere solche ausserhalb des eigenen Unternehmens.
  • Mitarbeiter, die ihre Informationen bereitwillig mit anderen teilten, waren nicht nur wirtschaftlich erfolgreicher, sondern fühlten sich bei der Arbeit auch noch glücklicher.
  • Zuguterletzt noch etwas aus der Abteilung "Nerd-Diskriminierung": Mitarbeiter, die die internen Informationssysteme (Datenbanken etc.) intensiver nutzten, steuerten zwar überdurchschnittlich viel Umsatz bei, wurden aber schlechter bezahlt.
Insgesamt schlossen die Forscher, dass es wichtiger ist, wie man IT einsetzt, als wie viel man davon hat. Das haben wir doch irgendwie immer schon geahnt. Als nächstes will das Forschungsteam in Zusammenarbeit mit dem MIT Media Lab auch noch das "physische" Netzwerk einer Firma erfassen, also die formellen und informellen Meetings, die den ganzen Tag so stattfinden. Dazu kriegen die Probanden einen Intelligent Badge verpasst, der ständig die Position der jeweiligen Person erfasst. Alles auf freiwilliger Basis, versteht sich.

Der 100-Dollar-Laptop wird konkret

Nicholas Negroponte, der visionäre Gründer des MIT Media Lab, beschäftigt sich seit einigen Jahren damit, einen PC für Schüler in der zweiten und dritten Welt zu entwickeln. Der OLPC (One Laptop Per Child), auch bekannt als 100-Dollar-Laptop, nimmt nach langer Vorbereitungszeit jetzt konkrete Formen an.

In den letzten Tagen wurden erste Produktionsmuster ausgeliefert, und die Serienproduktion soll bald anlaufen. Und auch die Software, basierend auf Linux, nimmt konkrete Formen an. Testversionen stehen auch schon für das Experimentieren auf PCs und Macs zur Verfügung.

Mehr Details gibt es in zwei Artikeln drüben bei neuerdings.com:

Zur Hardware: Auspacken: Der 100-Dollar-Laptop läuft
Zur Software: Mein Mac (oder PC) ist jetzt auch ein 100-Dollar-Laptop

Venture Capital und Unternehmertum: Selbstzweifel schaden nicht

Noch eine Fussnote zu der Web-2.0-Startup-Veranstaltung, über die ich im vorhergehenden Beitrag berichtet habe:

Zum Schluss diskutierten die Podiumsteilnehmer darüber, was die Region Boston machen kann, um ihren dramatischen Rückstand in Sachen Venture Capital und Unternehmensgründungen aufzuholen.

Um das in die richtige Perspektive zu rücken: In Boston wurde Venture Capital erfunden (buchstäblich). In der Region werden jedes Jahr (letzte Daten von 2005) etwa $2.3 Milliarden. an Venture Capital investiert, weltweit ist nur Silicon Valley grösser (allerdings deutlich). Die Stadt ist gerammelt voll mit Startups aller Art. In der U-Bahn werden per Anzeige laufend Programmierer für hippe neue Startups gesucht.

Und diese Stadt hat einen Minderwertigkeitskomplex. Weil sie sich zu wenig unternehmerisch fühlt.

Zum Vergleich: In Deutschland wurden 2004 gerade mal 292 Millionen Euro an Venture Capital investiert. In der Schweiz 101 Millionen. In Österreich 82 Millitionen. Gerade mal Grossbritannien erreicht als Land mit 1.045 Millionen Euro annähernd die gleiche Liga wie die Region Boston. In ganz Europa werden nicht mal 4 Milliarden Euro auf diesem Weg in neue Unternehmen investiert, das ist nicht mal so viel wie allein in Silicon Valley.

Klar, Venture Capital ist nicht die einzige Determinante für Unternehmertum. Aber eine wichtige. Und komischerweise gibt es in Europa eher selten Diskussionen darüber, wie man den Rückstand in Sachen Unternehmertum aufholen könnte. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass der Rückstand so gross ist?

Web 2.0 Startups: Billiger Software basteln dank Open Source

Dank Open Source-Komponenten ist es enorm viel billiger und einfacher geworden, ein Internet- oder Software-Startup zu gründen. Das war der Grundtenor an einer Veranstaltung zum Thema "Software 2.0", die gestern vom MIT Enterprise Forum durchgeführt wurde.

Zunächst sprach Venture Capitalist Jim Matheson von Flagship Ventures darüber, wie stark sich derzeit die VC-Szene aufgrund dieser Entwicklungen verändert. Traditionell sind die VC-Firmen darauf eingerichtet, einer jungen Firma schon in einer ersten Finanzierungsrunde $3 Mio. oder mehr zu geben. Nur so funktioniert das Businessmodell der immer grösser werdenden VC-Fonds. Doch die Web-2.0-Softwarefirmen von heute brauchen längst nicht so viel Kapital. Im Gegenteil, oft kann es für die Firmenentwicklung schädlich sein, über zu viel Geld zu verfügen, denn mit dem Geld kommt auch der Wachstumsdruck, und das vielleicht im falschen Moment.

Anschliessend präsentierten drei Startup-Gründer ihre Firmen und erzählten über ihre Erfahrungen.

Doug Wyatt von SiteAdvisor hat seine Firma gerade an Sicherheitsspezialist McAfee verkauft (für eine zweistellige Millionensumme, war dem Kontext zu entnehmen), und das, ohne je einen Dollar Umsatz gemacht zu haben. Die Software prüft während des Surfens, ob eine besuchte Website unbedenklich ist oder ob Viren, Spyware und andere Übel lauern. Die Firma gab nie was für Werbung aus, sondern vermarktete ihr Beta-Produkt ausschliesslich über Blogs. Die Software wurde stark auf Open-Source-Elementen aufgebaut; die umfangreiche Datenbank von Websites machen den eigentlichen Wert der Firma aus. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Daten manchmal wichtiger sein können als Funktionalität

Moussie Shore, ehemals einer der Chefdesigner von Lotus Notes, ist der Gründer von Zingku, einem Startup im Mobile-Bereich. Ehrlich gesagt habe ich noch nicht ganz verstanden, was das Ding eigentlich macht, aber da die Zielgruppe 16-28 Jahre alt ist, muss ich das ja auch nicht unbedingt. Moussie erzählte, dass die ziemlich komplexe Softwarelösung, auf der die Site aufgebaut ist, fast ausschliesslich aus fertigen Open-Source-Komponenten gebaut wurde. Der eigene Code beschränkt sich auf etwa 76'000 Zeilen, davon ist nur ein Drittel wirklich einzigartig. Das reicht aber, um Kapital anzuziehen: Zingku erhielt gerade eine erste Tranche Venture Capital. Zuvor hatten die drei Gründer das Produkt in ihrer Freizeit entwickelt, zu Totalkosten von gerade mal $5'890 (davon 34% für Starbucks-Kaffee). Interessanterweise standen die Entwickler in fast pausenlosem Kontakt (per Skype natürlich) mit einer Fokusgruppe aus Teenagern, die jedes neue Feature sofort testeten.

Joshua Walker von CityVoter erzählte schliesslich darüber, wie seine Firma User-generated Content auch für traditionelle Medienkonzerne verdaubar machen will. CityVoter erlaubt es den Einwohnern einer Stadt, über Restaurants, Geschäfte oder Kinos abzustimmen und so den oder die besten jeder Kategorie zu küren. Um das so entstehende Verzeichnis herum wird natürlich fleissig Werbung verkauft. CityVoter hat nach Pilotversuchen mit lokalen Fernsehstationen jetzt Verträge mit den Grossverlagen Hearst und Gannett geschlossen und will die Lösung USA-weit ausrollen. Auch CityVoter wurde im Eilzugstempo gebaut: Nach einer ersten nebenberuflich absolvierten Phase brauchten die Gründer gerade mal sechs Monate bis zur ersten VC-Runde und noch einmal einen Monat mehr bis zum ersten grossen Kundenvertrag.

Open Source ist ein exzellentes Hilfsmittel, darüber waren sich alle Firmengründer einig, aber die einzigartige Idee muss man immer noch selber haben. Obwohl man dank Open Source viel Zeit und Kosten sparen und an Professionalität gewinnen kann, ist dieser neue Entwicklungsprozess nicht ohne Tücken. Man muss sich seine Softwareentwickler gut aussuchen, denn nicht jeder hat die richtige Mentalität, um die richtigen Komponenten im Netz zu finden und einzubauen.

Ebenso einig waren sich alle Teilnehmer darüber, dass das alte Venture-Capital-Modell dringend revisionsbedürftig ist. Ein Firmengründer, der nebenberuflich im Starbucks ein interessantes Produkt zusammennageln kann, braucht keine Millionen an Kapital und ist schon gar nicht bereit, gleich in der ersten Runde 20% oder mehr seiner Firma an Venture Capitalists abzugeben.

MacBook Pro im Test

Wie ich vor einiger Zeit hier schon beschrieben habe, bin ich kürzlich unter die Mac-User gegangen. Und das jetzt konsequent. Vor zwei Wochen habe ich mir ein neues Notebook gekauft, und zwar das neue MacBook Pro von Apple mit Intel Core 2 Duo-Prozessor.

Was ich damit und mit dem Mac OS an Erfahrungen gemacht habe, kann man drüben bei neuerdings.com in einem ausführlichen, mehrteiligen Test nachlesen:

Bekenntnisse eines Umsteigers: MacBook Pro im Test
Beiträge 1 - 10 / 48