Wo stehen wir eigentlich in der Internet-Welle?

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Gibt es ein historisches Muster in der Entwicklung des Webs?
Der neuste Beitrag dreht sich um die Frage, ob sich in der aktuellen Entwicklung des Internets möglicherweise Muster spiegeln, die wir in der PC-Revolution schon einmal gesehen haben. Konkret gesagt wären wir in der Entwicklung jetzt etwa da angelangt, wo sich eine dominierende Form für webbasierte Unternehmensanwendungen herauskristallisieren könnte, ähnlich wie Client-Server in der PC-Ära.

Diese neuen "Software as a Service"-Applikationen werden zunehmend bedeutender, und es kündig sich bereits ein Kampf zwischen Startups wie Salesforce.com und den etablierten Riesen wie Microsoft und SAP an.

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Der Grund für den Umzug: Ich bin schon seit gut einem Jahr Investor und gelegenlicher Autor bei der Blogwerk AG, dem deutschsprachigen Blognetzwerk von Peter Hogenkamp. Die Blogwerk AG publiziert die Blogs neuerdings.com (Gadgets), medienlese.com (Medien) und imgriff.com (Persönliche Produktivität). Weitere werden demnächst dazukommen.

Blogwerk entwickelt sich ausgezeichnet. Das Wachstum übertrifft die Erwartungen, und es befindet sich eine sehr ansehnliche Zahl neuer Blogs in der Pipeline. Ich habe mich daher entschlossen, mein eigenes Blog in diesen Pool einzubringen, um so meine Aktivitäten zu konsolidieren.

Inhaltlich wird sich gar nichts ändern: Hier geht es weiterhin um Medienkonvergenz in allen Schattierungen. Nur das Layout sieht etwas anders aus, und da dieses Blog nun Teil eines professionellen Netzwerks ist, wird es hin und wieder auch Werbeeinblendungen geben.

Danke für Ihre Treue, und ich freue mich auf ein Wiedersehen auf der neuen Plattform! Und ebenfalls ein Dankeschön an die Firma Kaywa für das zuverlässige Hosten über die letzten zweieinhalb Jahre.


Danke fürs Lesen,
Andreas Göldi

Ich und mein iPhone

Heute haben die USA vermutlich die grösste Gadget-Lancierung der Geschichte erlebt: Das Apple iPhone kam nach langer Wartezeit auf den Markt.

Ich gehörte zu den Unentwegten, die sich schon einige Stunden vorher in die Schlange stellten. Und das hat sich gelohnt: Ich hab eins gekriegt, und zwar gerade noch das drittletzte Gerät im örtlichen AT&T-Shop. An dieser Location mussten etwa 100 Leute unverrichteter Konsumwünsche wieder abziehen. Anderswo waren aber die Vorräte scheinbar grösser.

Mein Bericht dazu findet sich drüben bei neuerdings.com, wo ich und San-Francisco-Korrespondent Peter Sennhauser laufend über unsere ersten Erfahrungen rapportieren.

Mein erster Eindruck deckt sich in etwa mit den Testberichten im Wall Street Journal und der New York Times. Kein Zweifel, dieses Gerät ist gleich in mehrfacher Hinsicht revolutionär. Aber man braucht auch nicht lang, um die ersten Schwächen zu entdecken, insbesondere die ziemlich fummelige Bildschirmtastatur. Aber der Web-Browser, die Multimediafunktionen und insbesondere das Bedienungskonzept sind so viel besser als alles, was man bisher auf Smartphones gesehen hat, dass es schon fast beängstigend ist.

Aber dazu mehr in den nächsten Tagen.

Das nächste Schlachtfeld: Offline-Plattformen für Web-Anwendungen

Googles Ankündigung von "Google Gears" letzte Woche hat nicht viele Schlagzeilen ausserhalb der Bloggerszene gemacht, aber sie könnte bedeutender sein als das meiste, was man von Google in letzter Zeit gehört hat. Während sich die Presse immer noch auf die teure Akquisition von DoubleClick konzentriert, kommt die Ankündigung von Gears nicht so sexy daher. Bei dem neuen Produkt handelt es sich laut Google um "an open source browser extension that enables web applications to provide offline functionality using JavaScript APIs". Sagt dem Nicht-Programmierer nicht viel.

Aber was Google da vorbereitet, könnte einen massiven Plattformkrieg mit Microsoft auslösen. Google Gears macht es nämlich möglich, webbasierte Anwendungen lokal auf einem PC bzw. Mac laufen zu lassen, ganz ohne Internetverbindung. Solche Applikationen funktionieren also auch im Flugzeug, in der U-Bahn oder sonstwo, wo kein Internetanschluss ist. Damit fällt eine der letzten Hürden für browserbasierte Anwendungen.

Wie das aussehen kann, zeigt Google in schon ziemlich beeindruckender Weise beim Google Reader, der hauseigenen RSS-Applikation. Bisher funktionierte Google Reader nur online, aber neu gibt es ein kleines Icon, das alle abonnierten Feeds auf die lokale Festplatte synchronisiert:



Auch ohne Netzverbindung kann man dann seine Feeds unterwegs lesen. Wenn man wieder am Netz ist, synchronisiert sich Reader einfach wieder mit der Online-Version. Bisher waren solche Dinge nur mit traditionellen Client-Applikationen à la FeedDemon möglich. Aber Google Reader läuft auf Windows, Mac OS X und Linux, und das mit den meisten gängigen Browsern. So irrelevant war das darunterliegende Betriebssystem noch selten für eine Applikation. Google hat auch schon klar angedeutet, dass Offline-Varianten von "Docs & Spreadsheet" bald zu erwarten sind.


Doch nicht nur Google bastelt an Offline-Funktionalität, auch eine ganze Reihe anderer Mitspieler sind im Rennen:

  • Adobe kündigte mit Apollo kürzlich eine auf Flash basierende und vom Browser unabhängige Offline-Plattform an, die einiges leistungsfähiger als Google Gears zu sein scheint. Die ersten Demoanwendungen haben bisher aber noch experimentellen Charakter. Adobe war von Googles Ankündigung offenbar nicht unbeeindruckt und hat sicherheitshalber schon mal die weisse Flagge ausgerollt. Die offenbar geplante Kooperation von Adobe und Google könnte ziemlich vielversprechend werden.
  • Die Mozilla-Community hat für Firefox 3 ebenfalls Offline-Fähigkeiten geplant. Auch dort sind die Pläne durchaus ehrgeizig. Dass Mozilla auch gern mal eng mit Google zusammenarbeitet, ist kein Geheimnis.
  • Ein paar unabhängige Startups, unter anderem Dekoh und Joyent, versuchen sich ebenfalls an ähnlichen Projekten. Im Kampf der Giganten dürfte es für diese kleineren Player aber schwierig werden.
Die grosse Frage ist natürlich: Was macht Microsoft? Der Desktop-König aus Redmond kann schwerlich ein Interesse daran haben, dass Hauptrivale Google bzw. die Open-Source-Community zunehmend das Desktop-Betriebssystem irrelevant machen.

Mit dem kürzlich angekündigten Flash-Clone Silverlight versucht sich Microsoft immerhin schon mal ein bisschen in Cross-Plattform-Kompatibiltät. Bisher ist Silverlight aber rein auf Online-Anwendungen ausgelegt, für den Offline-Bereich legt einem Microsoft weiterhin den Erwerb seiner klassischen Produkte nahe. Ganz klar: Microsoft ist in der Defensive. Wer kauft sich noch ein teures Windows Vista, wenn vielleicht schon bald Firefox die eigentlich relevante Applikationsplattform ist?


Aber: realistisch gesehen wird es noch ein paar Jahre dauern, bis webbasierte Anwendungen wirklich so gut sind, dass man nur noch selten lokal installierte Applikationen benutzen will. Gerade bei den klassischen Office-Anwendungen (Textverarbeitung, Tabellenkalkulation usw.) sind die Unterschiede noch extrem gross, und auch mit der von Google vorgestellten Infrastruktur wird es nicht möglich sein, ein Excel-Äquivalent im Browser zu programmieren. Aber die Frage ist natürlich: Brauchen wirklich so viele Leute all die High-End-Funktionalität, die Microsoft bietet? Oder reicht vielleicht nicht für viele auch ein ganz einfaches Spreadsheet, das im Browser läuft?

In einigen Bereichen dürften Desktop-Anwendungen jedenfalls bald ziemlich tot sein. Zum Beispiel gibt es nur noch wenige Gründe, sich ein CRM-System mit lokal installierter Clientsoftware anzuschaffen. Die webbasierten Lösungen von Salesforce.com oder Oracle/Siebel sind längst führend. Dito bei Kollaborationsanwendungen: Wer braucht angesichts der vielen guten Weblösungen noch ein lokal installiertes Lotus Notes oder Microsoft Groove? Und E-Mail-Clients könnten das nächste Opfer sein. Gegenüber der schlichten Eleganz von Gmail, Yahoo Mail oder Zimbra sieht das aufgeblähte Microsoft Outlook zunehmend alt aus.

Medienkonvergenz in Asien: Ein paar Impressionen

Bin gerade zurück von einer Studienreise nach China und Südkorea. Dass diese beiden Länder derzeit wie wild wachsen, ist allgemein bekannt. Das geht auch an der Medienlandschaft nicht spurlos vorbei. Ein paar Beobachtungen:

Dass in China immer noch das Internet zensiert wird, ist mehr als nur ärgerlich. Es dürfte langfristig auch ein echtes Hindernis für das weitere wirtschaftliche Wachstum des Landes werden. Besonders komisch ist, wie inkonsistent die Zensur ist. Manchmal kommt man nicht auf komplett unverdächtige Websites, dann geht es plötzlich wieder. Regimekritische Sites sind teilweise gesperrt, teilweise aber auch nicht. Eigentlich könnte man die Zensur auch gleich weglassen, wenn sie eh so löchrig ist. Aber bisher halten sich Google und Co. noch streng daran: Die lokalen Suchresultate sind oft ganz anders als im Westen.

Die Chinesen sind allerdings generell ein pragmatisches Volk, und das gilt auch für die Regierung. Das Land wird graduell geöffnet, und das gilt auch für das Internet. Vermutlich dürfte mit etwas internationalem Druck die digitale Zensur in fünf Jahren verschwunden sein. Gute Geschäfte sind heute in China erheblich wichtiger als Ideologie.

Viel Spass scheinen die Chinesen an riesigen Videoscreens zu haben. Verglichen mit dem Zentrum von Schanghai wirkt der New Yorker Times Square geradezu langweilig und übersichtlich. In Schanghai sind ganze Wolkenkratzerfassaden zur Videowiedergabe umfunktionert worden, überall gibt es Video-Werbeflächen, und die zahlreichen Leuchtreklamen erhöhen noch die visuelle Dichte. Beijing wirkt dagegen erheblich ruhiger und gesetzter, wie es sich für eine Hauptstadt vielleicht gehört. In beiden Städten fällt aber auf, wie interessant und vielseitig die moderne Architektur ist. Wolkenkratzer sind nie einfach quaderförmig, sondern weisen immer noch irgendwelche interessanten Features auf.

Chinesisches Fernsehen ist auch irgendwie anders. Nicht, dass ich vom Inhalt viel verstanden hätte, aber formal wirken auch die TV-Inhalte bunter. Besonders gefallen hat mir eine Talkshow, wo ein offenbar berühmter Kalligraphist auftrat (auch das ja eine chinesische Spezialität) und von irgendwelchen Promis ehrfürchtig befragt wurde. Das ganze wurde untermalt von ständig im Hintergrund eingespielten "Huuuiiii"- und "Zosch"-Lauten zwecks Markierung der lustig gemeinten Stellen. Auch die Fernsehwerbung ist interessant. Es geht fast immer um Autos, Kosmetik oder Alkohol. Und die westlichen Konzerne bemühen sich um lokale Anpassungen: Da wird beispielsweise das Michelin-Männchen beim Karatetraining gezeigt.

Zu meinem Entsetzen tun sich die Chinesen auch ein paar eher mässige westliche Inhalte an, beispielsweise die Pseudo-Wissenschaftsshow "Clever!" von Sat.1 mit Wigald Boning. Zur Beantwortung der Wissensfragen, die in Deutschland irgendwelchen B-Listen-Promis obliegt, werden in China dann arme Schulkinder vor die Kamera gezerrt.



Südkorea ist bekanntlich das Land mit der höchsten Durchdringung an Breitband-Internet, und das ist kein Zufall. Die Regierung steuert bewusst den Aufbau solcher strategischer Assets. Korea hat einen ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem viel reicheren Japan und dem schneller wachsenden China, und dementsprechend tun die Koreaner alles, um sich technologisch abzuheben.

Die Gadget-Dichte ist dementsprechend auch geradezu absurd. Im durchschnittlichen Taxi hängen am Armaturenbrett: Ein lustig blinkendes digitales Taxameter, ein High-End-Navigationssystem (Bildschirm nicht unter 12 Zoll), zwei bis drei Mobiltelefone, ein oder zwei drahtlose Kreditkartenterminals sowie oft noch ein mobiler Fernseher zwecks Unterhaltung des Fahrers. Lückenloser Mobiltelefonempfang ist natürlich auch selbstverständlich. Ich habe während der ganzen Reise in Korea nie weniger als perfekten UMTS-Empfang (fünf von fünf Strichen) erlebt, U-Bahn inbegriffen.

Wer wie ich denkt, dass er bezüglich Gadget-Shopping schon alles gesehen hat, sollte mal den Yongsan Electronics Market in Seoul besuchen. Das ist ein ganzer Stadteil voller kleiner Elektronikshops. Die Preise sind nicht niedriger als anderswo, aber die Auswahl ist unglaublich. Mobiltelefonshops haben beispielsweise grundsätzlich nicht weniger als etwa 150 Modelle in der Auslage, und das sind nur die kleinen Läden. Natürlich gibt es viele Telefontypen, von denen wir im Westen nur träumen können. Satellitenfernsehempfang und eingebaute Kameras im Bereich über 4 Megapixeln sind fast schon Standard. Leider funktionierten die Dinger aber nicht ausserhalb Koreas. Selbst professionelles Equipment und antiquarische Gadgets findet man in reicher Auswahl. Sogar eine alte Plattenschneidemaschine konnte man direkt ab Lager käuflich erwerben.

Traditionelle Medienkonzerne sind aber auch hier nicht viel anders. Wir besuchten den Maekyung-Verlag, Herausgeber der grössten koreanischen Wirtschaftszeitung. Der Verleger sprach zwar ständig über Konvergenz und über die Wichtigkeit des Internets, aber die Firmentour beschränkte sich trotzdem auf die hauseigenen Fernsehstudios und die mit besonders viel Stolz vorgeführte gute alte Druckmaschine.

Bezüglich Internet habe ich aber klar eines gelernt: Die asiatischen Märkte funktionieren in vielen Dingen komplett anders. Das sieht man besonders deutlich am Website-Design. Während Westler die Einfachheit der Google-Homepage schätzen, präsentiert die führende koreanische Suchmaschine Naver (77% Marktanteil) eine extrem überladene Einstiegsseite, dito die chinesischen Portalseiten QQ und Sohu.com. Sogar neue Eyetracking-Studien bestätigen, dass es da wirklich unterschiedliche kulturelle Präferenzen gibt. Google sah sich darum jetzt gerade gezwungen, die eigene koreanische Seite anzupassen und mit mehr Content anzureichern.

Der Gründer und CEO des führenden chinesischen Portals Sohu.com, Charles Zhang, erklärte uns in einer Session denn auch, dass er oft Mühe mit seinen westlichen Investoren hat. Die wollen ihn nämlich einfach dazu kriegen, immer alle neusten Silicon-Valley-Trends in China zu adaptieren, und das funktioniert halt nicht. Asiaten haben mehr Geduld und beschäftigen sich viel ausführlicher mit Internet-Inhalten, das sagen die Gesprächspartner und Usabilitystudien übereinstimmend aus. Zhang schreibt das dem unbändigen Willen der Chinesen zum Erfolg zu: Man will eben alles ganz genau wissen und hat Angst, eine Information zu verpassen, die einem vielleicht nützlich sein könnte.

Eins wurde mir bei diesem Besuch klar: Obwohl sich die Asiaten oberflächlich gesehen stark an westlicher Technologie und Konsummustern orientieren, funktionieren die Märkte wirklich fundamental anders. Kein Wunder, dass westliche Internet-Konzerne wie eBay (das gerade sein China-Office geschlossen hat), Yahoo oder Google sich schwer tun.

Online-Video: Kampf der Businessmodelle

Kaum ein Tag vergeht ohne Neuankündigung im gnadenlos überhitzten Online-Video-Markt. Eigentlich dachte man ja, dass mit der Akquisition von YouTube durch Google das Gröbste überstanden sein sollte, aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Es sind nicht nur zahlreiche Player unterwegs, die Businessmodelle unterscheiden sich auch noch massiv. Da fragt man sich doch, wo die Reise längerfristig hingehen wird. Wie werden wir in Zukunft Bewegtbilder konsumieren?

Treten wir zwecks Behandlung dieser Frage doch mal einen Schritt zurück von der Hektik des Marktes. Historisch gesehen haben die meisten technologischen Innovationen eine solche Phase des intensiven Experimentierens durchgemacht. Der Markt sucht nach einem "Dominant Design" in der Vielzahl der Möglichkeiten (Literaturtipp: James Utterback). Sobald sich ein Design, d.h. eine bestimmte Kombination von Technologie, Preismodell, Vertriebsstruktur usw. durchsetzt, sterben die konkurrenzierenden Designs meistens ziemlich schnell aus oder werden auf Nischen reduziert.

Beispiele dafür gibt es viele. Um nur einige zu nennen:

  • Gewinner: Ottomotor. Verlierer: Wankelmotor, Gasmotor usw.
  • Gewinner: VHS. Verlierer: Betamax, Video 2000
  • Gewinner: IBM PC und Kompatible. Verlierer: Macintosh, Amiga, Atari ST, etc.
  • Gewinner: CD-R. Verlierer: MiniDisc, DAT, DCC
  • Gewinner: TCP/IP. Verlierer: Alle anderen Netzwerkprotokolle.
Schon an diesen wenigen Beispielen sieht man, dass sich nicht immer die "beste", innovativste, billigste oder benutzerfreundlichste Technologie durchsetzt. Die Herauskristallisierung eines dominanten Designs ist ein nichtlinearer evolutionärer Prozess, in dem kleine Ursachen eine dramatische Wirkung haben können. Grundsätzlich kann man aber wohl davon ausgehen, dass es nicht schadet, auf offenen Standards aufzusetzen und viele Vertriebspartner zu haben.

Und noch ein wichtiger Faktor: Am meisten profitiert nicht immer die Firma, die das dominante Design erfunden hat. JVC hat zwar den VHS-Videorekorder erschaffen, aber wurde längst nicht der grösste Hersteller. IBM baut inzwischen keine PCs mehr.

Wie sehen nun die Designvarianten im Online-Video-Markt aus? Es haben sich bereits schon etliche Dimensionen herauskristallisiert, an denen entlang sich die vielen Angebote differenzieren. Wenn man nur mal zwei der wichtigsten nimmt, beispielsweise die Art des Contents (User-generated vs. Professionell) und den Gerätetyp (PC-basiert vs. Standalone) sieht man schon, wie komplex die Marktsituation ist:




Die meisten Ecken sind offensichtlich schon gut besetzt, bis auf reinen User-generated Content auf einem Standalone-Gerät (fraglich, ob jemand für so eine YouTube-Settop-Box bezahlen würde). Apple hält sich derweilen alle Optionen offen und bleibt schön in der Mitte.

Wie gesagt, Businessmodell-Dimensionen, die man kreativ kombinieren kann, gibt es diverse. Um nur die wichtigsten zu nennen:

  • Gerätetyp: PC vs. Standalone-Gerät vs. Mobile
  • Content-Art: Professionell vs. User-generated
  • Umsatzherkunft: Werbung vs. Pay-per-View vs. Pay-to-keep
  • Auslieferungstyp: Download vs. Streaming vs. Recording
  • Granularität: Einzelshows vs. Channels vs. Packages
  • Kopierschutz: DRM vs. offen
  • Vertriebspartnerschaften: Offene Allianzen vs. nur eigener Brand
Bleibt natürlich die Frage, welches Design sich denn wohl am Schluss durchsetzen wird. YouTube mit Kaufvideos auf dem Fernseher? Eine Settop-Box mit Video-Podcasts von Amazon? Die PC-Software-Version von TiVo? Oder wird es vielleicht mehrere geben, die sich verschiedene Marktsegmente greifen (so ähnlich wie PCs und Spielkonsolen)? Kurz gesagt: Das werden wir erst wissen, wenn es passiert ist. Und das kann locker noch zehn oder mehr Jahre dauern, denn eine so grundlegende Umstrukturierung eines Marktes braucht ihre Zeit.

Natürlich gibt es ein paar Faktoren, die vermutlich einen späteren Erfolg begünstigen. Es schadet nicht, wenn man eine breite Gruppe an Vertriebspartnern hat (wie YouTube mit seinen x Millionen MySpace-Usern und Blogautoren). Es tut nicht weh, wenn man hohe Benutzerfreundlichkeit bieten kann (wie TiVo oder Apple). Und eine grosse installierte Basis (wie sie Microsoft hat) ist auch kein Nachteil. Ob das aber aber die entscheidenden Faktoren sein werden, bleibt abzuwarten.

Businessmodelle sind eben nicht einfach. Vor allem dann nicht, wenn man noch Geld damit machen will.


Falls noch jemand sich gefragt hat, ...

... ob Online-Video inzwischen wirklich eine Bubble ist: Tony Blair hat jetzt seinen eigenen YouTube-Channel und benutzt selbigen auch gleich, um dem frisch gewählten Nicolas Sarkozy zu gratulieren. Auf Französisch.

Lustig ist die Methode, wie die BBC das online meldet: Das YouTube-Video wird nicht etwa einfach so verlinkt, sondern die BBC hat das Video runterkopiert und bietet das auf ihrem eigenen Videoplayer an. In schlechterer Qualität. Tja, modern times, old media thinking...

8% "Allesfresser": Web 2.0 wird nur von Minderheit genutzt

Das Pew Internet & American Life Project ist immer wieder mal für eine interessante Studie gut, wenn auch nur aus amerikanischer Perspektive. Die neuste repräsentative Umfrage untersucht den Umgang von Amerikanerinnen und Amerikanern mit moderner Informationstechnologie.

Bemerkenswert, aber vielleicht nicht sehr überraschend: Web 2.0 ist bisher noch ein Nischenphänomen und wird erst von einer recht kleinen Zielgruppe wirklich intensiv genutzt.

8% der Bevölkerung sind bezüglich ICT nämlich "Omnivores" (Allesfresser) und können sich für restlos alles begeistern, was digital ist. Wenig überraschend sind das vor allem männliche, jüngere, gut gebildete User. Diese Zielgruppe macht primär die regelmässigen User von typischen Web-2.0-Applikationen aus. Das ist nun ja nicht weiter erstaunlich, da genau diese Gruppe fast immer vorne dran ist, wenn es um neue Technologie geht. Schon bei Web 1.0 anno 1995 war die pionierhafte Usergruppe -- genau -- jung, vorwiegend männlich und gut gebildet.

Interessant sind die weiteren Typologien. Etwa 31% der Amis gehört zur Obergruppe der "Elite Tech Users" zu denen neben den Omnivores noch die "Connectors", "Lackluster Veterans" und "Productivity Enhancers" gehören -- alles Leute, die Technologie intensiv einsetzen, wenn auch aus unterschiedlicher Motivation. 20% sind "Middle of the Road Users" mit weniger intensivem Technologieeinsatz, und bei den restlichen 49% hat das Pew-Institut "Few Tech Assets" festgestellt: Diese knappe Hälfte der Bevölkerung nutzt neueste Technologie nur wenig, oft widerstrebend oder gar nicht.

Die Produktion von User Generated Content ist laut der Studie noch kein Breitensport: Total nur 19% der Befragten haben schon mal Content aufs Web hochgeladen, 18% haben schon mal Kommentare geschrieben, und 8% haben nach eigener Angabe schon mal gebloggt.

Die Informationstechnologie insgesamt scheint nach wie vor eine Zweidrittelsgesellschaft heranzubilden: 62% der Leute nutzen das Internet "aus Spass"; 67% finden es angenehm, so viel Information verfügbar zu haben, während der Rest sich durch die Informationsflut überfordert fühlt. Die Intensität der Technologienutzung korrelliert zudem ziemlich stark mit dem Haushaltseinkommen: Je besser verdienend, umso mehr Technologie wird in der Regel genutzt.

Eine gute Zusammenfassung gibt es bei Search Engine Land, aber der Volltext der Studie ist allemal einen Blick wert.

Ist das Silicon Valley provinziell?

In Deutschland und der Schweiz wirft man sich bekanntlich gern gegenseitig vor, provinziell zu sein. Das passt ja auch gut zur vermeintlichen Mentalität dieser Länder.
provinziell/Adj./ [.. winzi-ell] <lat.> veraltend oft abwertend vom kulturellen Geschehen, den (modischen) Neuerungen der Hauptstadt, einer Großstadt wenig berührt, kleinstädtisch beschränkt
Das Silicon Valley, dieser innovationsstrotzende Geburtsplatz der IT-Branche, wird hingegen aus europäischer Perspektive oft als Inbegriff der kreativen Weltoffenheit gesehen, als das pure Gegenteil deutschsprachiger Provinzialität.

Aber bei meinem Besuch dort letzte Woche fragte ich mich oft: Ist das wirklich wahr? Oder ist Silicon Valley nicht einfach Provinz mit einem glitzernden High-Tech-Anstrich?

Auf den ersten Blick ist das sicher nicht so, denn es gibt wohl nur wenige Weltgegenden, die einen bunteren Mix von Nationalitäten anziehen als diese gut 30 Meilen zwischen San Mateo und San Jose. Aber wenn man etwas tiefer gräbt, ändert sich das Bild drastisch.

Mein Eindruck war: Valley-Bewohner sind extrem auf ihre Region (und ihre Branche) bezogen und ignorieren fast komplett, was im Rest der Welt vor sich geht -- ein bisschen wie in einer deutschen Kleinstadt. Dass jemand nicht in der Tech-Branche arbeiten könnte, wird als sehr merkwürdig, exotisch und eigentlich unvorstellbar empfunden -- wie in einem Bauerndorf, nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Praktisch jeder Venture Capitalist im Valley sagt einem das gleiche: Am liebsten investieren wir in Firmen, die nicht weiter als 10 Meilen von unserem Büro entfernt liegen. Wenn man mehr als 20 Minuten zum Board-Meeting fahren muss, wird das schon als schlimme Unannehmlichkeit empfunden. Vielleicht investiert man notfalls mal noch in Seattle, zwei Flugstunden entfernt. Die amerikanische Ostküste hingegen gilt schon als richtig exotisch, dort sind darum auch andere VC-Firmen tätig.

Indien und China finden alle toll, weil dort angeblich fast drei Milliarden potentielle Kunden leben und man billige Arbeitskräfte kriegt. Viel mehr als das weiss aber auch kaum jemand, und wirklich dort Zeit verbracht haben noch viel weniger. Europa? Das ist doch dieser dunkle Kontinent mit den seltsamen Sprachen und dem unsäglichen Arbeitsrecht. Davon will man schon gar nichts wissen.

Und gerade die scheinbar so innovationshungrige Venture-Capital-Branche ist extrem clubby und hat eine strikte Hackordnung. Entweder gehört man dazu, oder eben nicht. Genau wie bei den Bankgnomen der Zürcher Bahnhofstrasse.

Und was ist mit den vielen Unternehmerpersönlichkeiten? Kamen die wenigstens aus der grossen, weiten Welt und überwanden alle geographischen Hindernisse, um ihre Vision Wirklichkeit werden zu lassen? Mehrheitlich Fehlanzeige. Steve Jobs ist ein "local boy", der seine Firma gleich um die Ecke seines Elternhauses aufgemacht hat. Yahoo-Gründer Jerry Yang ist auch im Valley aufgewachsen, und Sergey und Larry von Google haben dort studiert. Selbst unter den älteren Valley-Legenden wie Andy Grove oder Hewlett und Packard findet sich kaum einer, der nicht in der Region aufgewachsen oder zumindest sein Studium dort absolviert hat. Wie in jeder normalen Universitätsstadt bleiben die Leute auch in der Umgebung von Stanford einfach hängen und bauen sich dort ihre bescheidene (oder nicht so bescheidene) Existenz auf.

Tja, menschliche Gemeinschaften scheinen überall etwa ähnlich zu funktionieren, High-Tech hin oder her.

Beobachtungen im Silicon Valley

Diese Woche habe ich im Rahmen meines Studienprogramms im Silicon Valley verbracht. Hier einige Impressionen.


Teures Pflaster. Ein Einheimischer erklärt mir: Wenn man hier weniger als $200'000 im Jahr verdient, kann man sich kaum ein Haus leisten, das im Rest der USA als gerade mal knapp Mittelklasse empfunden würde. Im Silicon Valley leben schätzungsweise 250'000 Millionäre, und jede Woche kommen etwa 60 neue dazu. Das verdirbt die Preise.

Aber irgendwer muss ja all die Porsches, Ferraris und Aston Martins kaufen, die von zahlreichen Händlern entlang der Autobahn feilgeboten werden. Besonders interessant ist der kleine Autohändler in Los Gatos, der in seinem winzigen Showroom irgendwie einen fetten Lamborghini und einen ebenso dicken Rolls Royce untergebracht hat.

Trotz all der automobilen Herrlichkeit hat man irgendwie vergessen, auch anständige Strassen zu bauen. Die meisten Drittweltländer haben Autobahnen, die deutlich besser in Schuss sind als Freeway 101.


Alles so schön bunt hier. Besuch auf dem Googleplex. Es sieht alles so aus, wie man es aus den Medien kennt: Die Lavalampen, die Massagestühle, die Cafeterias, der Teppich aus Recyclingmaterial, die Lego-Spielecken. Im Garten steht ein lebensgrosses Tyrannosaurus-Rex-Skelett. Gerade neu angeschafft, weil Larry und Sergey Dinosaurier mögen, erklärt man uns.

Die Google-Führerin plappert fröhlich drauflos und ist etwas erstaunt, dass unsere Gruppe aus Managern im mittleren Alter nicht so enthusiastisch reagiert, wie sie das sonst offenbar gewöhnt ist: "You're a quiet group". Als jemand fragt, was denn dieses "AdWords" genau ist, kriegt sie einen leicht verzweifelten Gesichtsausdruck.

An den Wänden kleben alle Arten von kleinen Plakaten. Teilweise geht es um praktische Dinge wie die Parkplatzregelung (die Firmen in der Umgebung haben auf ihren Parkplätzen als Verteidigungsmassnahme schon Schilder mit "No Google Parking" angebracht und lassen gnadenlos abschleppen), oft handelt es sich aber auch um bunte Beschreibungen neuer, experimenteller Google-APIs.


Umnutzung. Silicon-Valley-Firmen bauen auf den Gräbern ihrer Vorgänger, sozusagen. Der Googleplex hat früher mal Silicon Graphics gehört. Und CRM-Star Salesforce.com residiert im Gebäude seines untergegangenen Erzfeindes Siebel Systems.

Aber ganz offensichtlich ist der Boom noch längst nicht wieder da. Vor allem im südlichen Valley, wo die Netzwerkfirmen zu Hause sind, steht fast jedes zweite Bürogebäude leer.


Mac Valley. Kaffeetrinken im "Coupa Cafe" in Palo Alto. Der beste Kaffee, den ich in den USA je hatte, und gratis WiFi gibt es auch. An etwa jedem zweiten Tisch arbeitet jemand am Laptop. Von 11 Maschinen sind genau drei PCs, die anderen 8 sind Macs.


Extreme Telepresence. Zu Gast bei Cisco. Im Sitzungszimmer hängt ein "Terror Alert"-Plakat mit dem aktuellen Bedrohungsstatus (heute gerade "gelb"). Hier wird normalerweise wohl an staatliche Kunden verkauft.

Man demonstriert uns die neue Telepresence-Lösung von Cisco, eine Art Ultra-Videokonferenzsystem mit 3 Full-HD-Kanälen. Die Bildqualität ist tatsächlich atemberaubend. Wenn sich sowas durchsetzt, kann man sich wirklich einige Reisen sparen.

Der Chef der Abteilung spricht remote mit seiner Sekretärin. Die sitzt nämlich in Texas und wird zu seinem Vorzimmer in Kalifornien den ganzen Tag lang per Telepresence-System übertragen. Hinter dem Schreibtisch sitzt buchstäblich ein Bildschirm, auf dem die gute Frau zu sehen ist. Man kann auch alles übertreiben...


Kein Kulturstrick. Die fast einzigen, die hier Kravatten tragen, sind wohl Hotelangestellte. In etwa einem Dutzend Meetings sind mir genau zwei andere Kravattenträger begegnet. Und die haben ihren Schlips dem Muster nach zu schliessen in den frühen 80er Jahren erworben.


Living in a Bubble. Gespräch mit Venture Capitalists. Wir haben keine Bubble, meinen sie. Höchstens ein bisschen eine im Web-2.0-Bereich. Weil jeder das nächste YouTube haben will.

Ganz offensichtlich leben die VCs aber in ihrer eigenen Blase in Isolation von der Aussenwelt. Wenn man sie reden hört, könnte man meinen, sie würden danach bezahlt, wie viele Jargon-Ausdrücke sie in einem einzigen Satz unterbringen können. Der eine beklagt sich, dass er als GP downstream heutzutage oft keinen Carry, sondern nur die 2% kriegt. Ja, schlimm, so was.
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