Wo stehen wir eigentlich in der Internet-Welle?

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Gibt es ein historisches Muster in der Entwicklung des Webs?
Der neuste Beitrag dreht sich um die Frage, ob sich in der aktuellen Entwicklung des Internets möglicherweise Muster spiegeln, die wir in der PC-Revolution schon einmal gesehen haben. Konkret gesagt wären wir in der Entwicklung jetzt etwa da angelangt, wo sich eine dominierende Form für webbasierte Unternehmensanwendungen herauskristallisieren könnte, ähnlich wie Client-Server in der PC-Ära.

Diese neuen "Software as a Service"-Applikationen werden zunehmend bedeutender, und es kündig sich bereits ein Kampf zwischen Startups wie Salesforce.com und den etablierten Riesen wie Microsoft und SAP an.

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Der Grund für den Umzug: Ich bin schon seit gut einem Jahr Investor und gelegenlicher Autor bei der Blogwerk AG, dem deutschsprachigen Blognetzwerk von Peter Hogenkamp. Die Blogwerk AG publiziert die Blogs neuerdings.com (Gadgets), medienlese.com (Medien) und imgriff.com (Persönliche Produktivität). Weitere werden demnächst dazukommen.

Blogwerk entwickelt sich ausgezeichnet. Das Wachstum übertrifft die Erwartungen, und es befindet sich eine sehr ansehnliche Zahl neuer Blogs in der Pipeline. Ich habe mich daher entschlossen, mein eigenes Blog in diesen Pool einzubringen, um so meine Aktivitäten zu konsolidieren.

Inhaltlich wird sich gar nichts ändern: Hier geht es weiterhin um Medienkonvergenz in allen Schattierungen. Nur das Layout sieht etwas anders aus, und da dieses Blog nun Teil eines professionellen Netzwerks ist, wird es hin und wieder auch Werbeeinblendungen geben.

Danke für Ihre Treue, und ich freue mich auf ein Wiedersehen auf der neuen Plattform! Und ebenfalls ein Dankeschön an die Firma Kaywa für das zuverlässige Hosten über die letzten zweieinhalb Jahre.


Danke fürs Lesen,
Andreas Göldi

48 Stunden mit dem iPhone: Ein erstes Fazit

So, knapp zwei Tage ist es jetzt her, dass ich mir das möglicherweise meistgehypte Gadget der Geschichte gekauft habe. Und, ehrlich gesagt, den grössten Teil dieser Zeit habe ich mit dem iPhone verbracht.

Wer an Details interessiert ist: Drüben auf neuerdings.com kann man die ausführlichen Testberichte nachlesen, die Chefredakteur Pit Sennhauser und ich verfasst haben.

Alle paar Jahre gibt es in der Technologiebranche ein Produkt, das eine neue Phase eröffnet, eine Produktkategorie definiert und festlegt, wie das Spiel von da an gespielt wird. Um einige zu nennen: Der Apple II, der IBM PC, der erste Macintosh, das IBM Thinkpad. Oder bei der Software Lotus 123, Microsoft Office, Lotus Notes, Netscape Navigator. Und bei den Mobilgeräten das Motorola StarTAC, der Palm Pilot, der erste Nokia Communicator, der iPod, der Blackberry. Aber natürlich gibt es auch eine lange Liste von Produkten, bei deren Vorstellung man hohe Erwartungen hatte, die sich aber als Flop herausstellten: der IBM PCjr., der Apple Newton, Microsoft Bob, das Iridum Satellitentelephon, der erste Tablet PC.

In welche Kategorie wird das iPhone gehören?

Ich bin ziemlich überzeugt davon, dass es zu den "game-changing" Produkten gehört und verändern wird, wie der Mobiltelefonmarkt funktioniert, was wir für Anforderungen an ein Mobiltelefon stellen und was man mit einem Mobilgerät machen kann. Neben allen netten Features und diversen Schwächen, die das Ding bietet, stechen drei revolutionäre Aspekte besonders heraus:

  • Der erste mobile Web-Browser, der diesen Namen uneingeschränkt verdient. Nach zwei Tagen iPhone hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, richtiges mobiles Internet zu haben. Selbst der sehr gute Nokia-Browser sieht da uralt aus. Zwar ist der iPhone-Browser noch nicht in allen Aspekten perfekt, aber sehr nahe dran. Das könnte die Art ändern, wie wir mobile Applikationen verwenden.
  • Ein Userinterface, das schlicht um Grössenordnungen besser ist als alles, was man bisher auf Mobiltelefonen gesehen hat. Zuerst stechen die vielen schicken Spezialeffekte und Animationen ins Auge, aber die sind eigentlich Nebensache. Die Oberfläche des iPhones ist konsistent, übersichtlich, effizient und vor allem ohne jede Hilfe sofort intuitiv zu bedienen. Kein Vergleich mit den Menüwüsten der Konkurrenz. Das ist ein Schritt fast wie von MS-DOS zu Mac OS X.
  • Bisher erst am Rande relevant, aber mit Sprengkraft: Apple definiert das Kundenerlebnis, nicht der Mobilfunkoperator. Wer wie ich den Fehler gemacht hat, das Gerät im AT&T-Laden zu kaufen, wurde nochmal voll der bekannten Operator-Hölle ausgesetzt: Schlecht geschulte Verkäufer, die mit grauenhaft langsamen Systemen idiotische Kreditchecks machen müssen und vom Management gezwungen werden, den Kunden überteuertes Zubehör anzudrehen. Mein iPhone wurde in eine eigens für den Anlass hergestellte Plastiktüte verpackt, die einen langen Disclaimer aufgedruckt hatte (!). Kleiner Hinweis an AT&T: Ihr beschäftigt zu viele Juristen.
    Anders im Apple Store: Nette junge Leute verkaufen einem sofort ohne Papierkrieg das elegant verpackte Produkt. Man trägt selbiges nach Hause, aktiviert es per Internet und kann sofort loslegen. Die Probleme der ersten iPhone-Nacht hatten offenbar vor allem mit den überlasteten AT&T-Systemen zu tun, aber das dürfte jetzt gelöst sein.
    Und alles, was man von AT&T dann noch sieht, ist das Netzkennzeichen. Kein Walled Garden à la Vodafone Live, kein Versuch, einem ständig überteuerte Klingeltöne anzudrehen. Und das iPhone hat eine klare Präferenz für schnelle WLANs, nicht das lahme Netz des Operators. Gut so.
Natürlich kann man dem iPhone viele Dinge vorwerfen, und über die Schwächen kann man ausführlich in den diversen Testberichten lesen (auch in unseren bei neuerdings.com). Mich persönlich stören am meisten die fehlende Copy/Paste-Funktion und die ziemlich dünnen Organizer-Funktionen. An die zunächst oft kritisierte Bildschirmtastatur gewöhnt man sich hingegen recht schnell. Besonders schade ist auch, dass es bisher keine Möglichkeit gibt, weitere Applikationen zu installieren. Aber bereits tauchen erste speziell für das iPhone entwickelte Web-Anwendungen auf.

Apple ist extrem gut darin, sich auf Dinge zu konzentrieren, die wirklich wichtig sind und den Rest einfach zu ignorieren. Beispiele gefällig? Das iPhone unterstützt kein MMS. Hand hoch, wer in den letzten Monaten mehr als 3 MMS verschickt hat. Man kann keine Spreadsheets editieren. Hab ich einmal auf meinem Windows-Mobile-PDA ausprobiert und nie mehr gemacht. Bisher kann man keine zusätzlichen Klingeltöne installieren. Gut so, keine "Crazy Frog"-Gefahr.

Dafür hat das iPhone viele Nettigkeiten, die man sich von einem intelligenten Gerät erwarten würde. Zum Beispiel zeigt es einen den Wetterbericht und Börsenkurse auf Knopfdruck, ohne jede Wartezeit. Und die Voicemail-Funktionalität ist schlicht spektakulär.

Klar, das iPhone ist noch zu teuer, um wirklich zum Massenprodukt zu werden. Aber auch das ist eine Frage der Zeit. Das Gerät setzt jedenfalls die Latte sehr hoch und wird die anderen Mobiltelefon-Hersteller zwingen, mit attraktiven Geräten nachzuziehen. Und vor allem auf der Softwareseite kann man ganz offensichtlich noch viel machen.


Noch eine Nebenbemerkung: Während in den USA die Presse sehr differenziert, aber mit klar positivem Grundton berichtet, übt sich die deutschsprachige Presse wieder mal in Sauertöpfigkeit. Das Schweizer Fernsehen findet die technischen Probleme in den Anmeldesystemen am meldenswertesten. Der Multimediaredakteur der Sonntagszeitung hat ganz offensichtlich noch nie ein iPhone in der Hand gehabt, weiss aber trotzdem zu berichten, dass es Apple ja nur darum geht, teure Filme zu verkaufen und dass die Telefonfunktionen nur Nebensache sind. Soso. Und der Klein Report zitiert statt kompetenter englischsprachiger Quellen lieber die Sonntagszeitung und berichtet über "ernüchternde Fachberichte". Komischerweise sind die Berichte in deutschsprachigen Medien, die sich einen Korrespondenten vor Ort leisten, hingegen mehrheitlich positiv.

Ich und mein iPhone

Heute haben die USA vermutlich die grösste Gadget-Lancierung der Geschichte erlebt: Das Apple iPhone kam nach langer Wartezeit auf den Markt.

Ich gehörte zu den Unentwegten, die sich schon einige Stunden vorher in die Schlange stellten. Und das hat sich gelohnt: Ich hab eins gekriegt, und zwar gerade noch das drittletzte Gerät im örtlichen AT&T-Shop. An dieser Location mussten etwa 100 Leute unverrichteter Konsumwünsche wieder abziehen. Anderswo waren aber die Vorräte scheinbar grösser.

Mein Bericht dazu findet sich drüben bei neuerdings.com, wo ich und San-Francisco-Korrespondent Peter Sennhauser laufend über unsere ersten Erfahrungen rapportieren.

Mein erster Eindruck deckt sich in etwa mit den Testberichten im Wall Street Journal und der New York Times. Kein Zweifel, dieses Gerät ist gleich in mehrfacher Hinsicht revolutionär. Aber man braucht auch nicht lang, um die ersten Schwächen zu entdecken, insbesondere die ziemlich fummelige Bildschirmtastatur. Aber der Web-Browser, die Multimediafunktionen und insbesondere das Bedienungskonzept sind so viel besser als alles, was man bisher auf Smartphones gesehen hat, dass es schon fast beängstigend ist.

Aber dazu mehr in den nächsten Tagen.

iPhone-Hype in den USA erreicht den Siedepunkt

Noch zweimal Schlafen, dann ist für amerikanische Gadget-Freaks Weihnachten, Ostern, Neujahr, Geburtstag und mindestens sämtliche weiteren Feiertage gleichzeitig: Das Apple iPhone kommt endlich auf dem Markt. Der Hype war ja schon seit der Ankündigung des angeblich revolutionären Produkts im Januar unerhört, aber die Aufregung, die man derzeit hier in den USA erlebt, übertrifft wohl alles Dagewesene für ein Elektronikprodukt.

Seit etwa zwei Wochen kann man keine Zeitung mehr aufschlagen, in der nicht mindestens ein iPhone-Artikel vorkommt. Die meisten sind in leicht ironisch-abschätzigem Ton verfasst und weisen darauf hin, dass es ja diverse viel bessere Smartphones auf dem Markt gibt, dass das iPhone viel zu teuer ist, und überhaupt. Und man merkt immer zwischen den Zeilen, dass der Autor vor allem sauer ist, dass er nicht zum auserwählten Kreis derjenigen Journalisten gehört, die vorab ein iPhone zum Test erhalten haben.

Diese kleine Elite hat nämlich gestern abend endlich ihre Testberichte publizieren dürfen, die auf etwa zwei Wochen Erfahrung mit dem Gerät beruhen. Und die Gadgetgurus von Wall Street Journal, New York Times, Newsweek und USA Today sind sich einig: Das iPhone hat zwar einige Schwächen, aber "ist den Hype wert". Was wohl ungefähr so ist, wie wenn man sagen würde "Ein Ferrari ist eigentlich ein extrem billiges Auto, für das was er leistet". Walter Mossberg nennt das iPhone einen "breakthrough handheld computer", David Pogue von der New York Times "revolutionary", und so weiter.

Der Newsweek-Schreiberling lässt durchblicken, dass Apple auch bei diesen Testberichten nichts dem Zufall überlassen hat. Die Journalisten kriegten Anrufe von Steve Jobs höchstpersönlich, der sich erkundigte, wie sie denn so zufrieden seien mit dem Gerät. Was macht man als Gadgetjournalist, wenn man einen Anruf vom vermutlich mächtigsten Mann der Gadgetbranche kriegt? Sagt man "Danke der Nachfrage, aber ich schreib sowieso einen Verriss"? Eben. Und darum haben auch alle brav Testberichte verfasst, die streckenweise an unkontrollierten Enthusiasmus grenzen.

Das wird natürlich die Hysterie noch weiter anheizen. Währenddessen hört man von Leuten, die sich in New York bereits drei Tage vorher in die Schlange vor dem Apple-Store stellen. Hier in Boston hab ich das noch nicht gesehen, aber das kommt sicher auch noch.

Und bevor jemand fragt: Ja, am Freitag stelle ich mich auch in die Schlange und versuche, so ein Ding zu ergattern. Ist ja schliesslich Ehrensache.

Das nächste Schlachtfeld: Offline-Plattformen für Web-Anwendungen

Googles Ankündigung von "Google Gears" letzte Woche hat nicht viele Schlagzeilen ausserhalb der Bloggerszene gemacht, aber sie könnte bedeutender sein als das meiste, was man von Google in letzter Zeit gehört hat. Während sich die Presse immer noch auf die teure Akquisition von DoubleClick konzentriert, kommt die Ankündigung von Gears nicht so sexy daher. Bei dem neuen Produkt handelt es sich laut Google um "an open source browser extension that enables web applications to provide offline functionality using JavaScript APIs". Sagt dem Nicht-Programmierer nicht viel.

Aber was Google da vorbereitet, könnte einen massiven Plattformkrieg mit Microsoft auslösen. Google Gears macht es nämlich möglich, webbasierte Anwendungen lokal auf einem PC bzw. Mac laufen zu lassen, ganz ohne Internetverbindung. Solche Applikationen funktionieren also auch im Flugzeug, in der U-Bahn oder sonstwo, wo kein Internetanschluss ist. Damit fällt eine der letzten Hürden für browserbasierte Anwendungen.

Wie das aussehen kann, zeigt Google in schon ziemlich beeindruckender Weise beim Google Reader, der hauseigenen RSS-Applikation. Bisher funktionierte Google Reader nur online, aber neu gibt es ein kleines Icon, das alle abonnierten Feeds auf die lokale Festplatte synchronisiert:



Auch ohne Netzverbindung kann man dann seine Feeds unterwegs lesen. Wenn man wieder am Netz ist, synchronisiert sich Reader einfach wieder mit der Online-Version. Bisher waren solche Dinge nur mit traditionellen Client-Applikationen à la FeedDemon möglich. Aber Google Reader läuft auf Windows, Mac OS X und Linux, und das mit den meisten gängigen Browsern. So irrelevant war das darunterliegende Betriebssystem noch selten für eine Applikation. Google hat auch schon klar angedeutet, dass Offline-Varianten von "Docs & Spreadsheet" bald zu erwarten sind.


Doch nicht nur Google bastelt an Offline-Funktionalität, auch eine ganze Reihe anderer Mitspieler sind im Rennen:

  • Adobe kündigte mit Apollo kürzlich eine auf Flash basierende und vom Browser unabhängige Offline-Plattform an, die einiges leistungsfähiger als Google Gears zu sein scheint. Die ersten Demoanwendungen haben bisher aber noch experimentellen Charakter. Adobe war von Googles Ankündigung offenbar nicht unbeeindruckt und hat sicherheitshalber schon mal die weisse Flagge ausgerollt. Die offenbar geplante Kooperation von Adobe und Google könnte ziemlich vielversprechend werden.
  • Die Mozilla-Community hat für Firefox 3 ebenfalls Offline-Fähigkeiten geplant. Auch dort sind die Pläne durchaus ehrgeizig. Dass Mozilla auch gern mal eng mit Google zusammenarbeitet, ist kein Geheimnis.
  • Ein paar unabhängige Startups, unter anderem Dekoh und Joyent, versuchen sich ebenfalls an ähnlichen Projekten. Im Kampf der Giganten dürfte es für diese kleineren Player aber schwierig werden.
Die grosse Frage ist natürlich: Was macht Microsoft? Der Desktop-König aus Redmond kann schwerlich ein Interesse daran haben, dass Hauptrivale Google bzw. die Open-Source-Community zunehmend das Desktop-Betriebssystem irrelevant machen.

Mit dem kürzlich angekündigten Flash-Clone Silverlight versucht sich Microsoft immerhin schon mal ein bisschen in Cross-Plattform-Kompatibiltät. Bisher ist Silverlight aber rein auf Online-Anwendungen ausgelegt, für den Offline-Bereich legt einem Microsoft weiterhin den Erwerb seiner klassischen Produkte nahe. Ganz klar: Microsoft ist in der Defensive. Wer kauft sich noch ein teures Windows Vista, wenn vielleicht schon bald Firefox die eigentlich relevante Applikationsplattform ist?


Aber: realistisch gesehen wird es noch ein paar Jahre dauern, bis webbasierte Anwendungen wirklich so gut sind, dass man nur noch selten lokal installierte Applikationen benutzen will. Gerade bei den klassischen Office-Anwendungen (Textverarbeitung, Tabellenkalkulation usw.) sind die Unterschiede noch extrem gross, und auch mit der von Google vorgestellten Infrastruktur wird es nicht möglich sein, ein Excel-Äquivalent im Browser zu programmieren. Aber die Frage ist natürlich: Brauchen wirklich so viele Leute all die High-End-Funktionalität, die Microsoft bietet? Oder reicht vielleicht nicht für viele auch ein ganz einfaches Spreadsheet, das im Browser läuft?

In einigen Bereichen dürften Desktop-Anwendungen jedenfalls bald ziemlich tot sein. Zum Beispiel gibt es nur noch wenige Gründe, sich ein CRM-System mit lokal installierter Clientsoftware anzuschaffen. Die webbasierten Lösungen von Salesforce.com oder Oracle/Siebel sind längst führend. Dito bei Kollaborationsanwendungen: Wer braucht angesichts der vielen guten Weblösungen noch ein lokal installiertes Lotus Notes oder Microsoft Groove? Und E-Mail-Clients könnten das nächste Opfer sein. Gegenüber der schlichten Eleganz von Gmail, Yahoo Mail oder Zimbra sieht das aufgeblähte Microsoft Outlook zunehmend alt aus.

Medienkonvergenz in Asien: Ein paar Impressionen

Bin gerade zurück von einer Studienreise nach China und Südkorea. Dass diese beiden Länder derzeit wie wild wachsen, ist allgemein bekannt. Das geht auch an der Medienlandschaft nicht spurlos vorbei. Ein paar Beobachtungen:

Dass in China immer noch das Internet zensiert wird, ist mehr als nur ärgerlich. Es dürfte langfristig auch ein echtes Hindernis für das weitere wirtschaftliche Wachstum des Landes werden. Besonders komisch ist, wie inkonsistent die Zensur ist. Manchmal kommt man nicht auf komplett unverdächtige Websites, dann geht es plötzlich wieder. Regimekritische Sites sind teilweise gesperrt, teilweise aber auch nicht. Eigentlich könnte man die Zensur auch gleich weglassen, wenn sie eh so löchrig ist. Aber bisher halten sich Google und Co. noch streng daran: Die lokalen Suchresultate sind oft ganz anders als im Westen.

Die Chinesen sind allerdings generell ein pragmatisches Volk, und das gilt auch für die Regierung. Das Land wird graduell geöffnet, und das gilt auch für das Internet. Vermutlich dürfte mit etwas internationalem Druck die digitale Zensur in fünf Jahren verschwunden sein. Gute Geschäfte sind heute in China erheblich wichtiger als Ideologie.

Viel Spass scheinen die Chinesen an riesigen Videoscreens zu haben. Verglichen mit dem Zentrum von Schanghai wirkt der New Yorker Times Square geradezu langweilig und übersichtlich. In Schanghai sind ganze Wolkenkratzerfassaden zur Videowiedergabe umfunktionert worden, überall gibt es Video-Werbeflächen, und die zahlreichen Leuchtreklamen erhöhen noch die visuelle Dichte. Beijing wirkt dagegen erheblich ruhiger und gesetzter, wie es sich für eine Hauptstadt vielleicht gehört. In beiden Städten fällt aber auf, wie interessant und vielseitig die moderne Architektur ist. Wolkenkratzer sind nie einfach quaderförmig, sondern weisen immer noch irgendwelche interessanten Features auf.

Chinesisches Fernsehen ist auch irgendwie anders. Nicht, dass ich vom Inhalt viel verstanden hätte, aber formal wirken auch die TV-Inhalte bunter. Besonders gefallen hat mir eine Talkshow, wo ein offenbar berühmter Kalligraphist auftrat (auch das ja eine chinesische Spezialität) und von irgendwelchen Promis ehrfürchtig befragt wurde. Das ganze wurde untermalt von ständig im Hintergrund eingespielten "Huuuiiii"- und "Zosch"-Lauten zwecks Markierung der lustig gemeinten Stellen. Auch die Fernsehwerbung ist interessant. Es geht fast immer um Autos, Kosmetik oder Alkohol. Und die westlichen Konzerne bemühen sich um lokale Anpassungen: Da wird beispielsweise das Michelin-Männchen beim Karatetraining gezeigt.

Zu meinem Entsetzen tun sich die Chinesen auch ein paar eher mässige westliche Inhalte an, beispielsweise die Pseudo-Wissenschaftsshow "Clever!" von Sat.1 mit Wigald Boning. Zur Beantwortung der Wissensfragen, die in Deutschland irgendwelchen B-Listen-Promis obliegt, werden in China dann arme Schulkinder vor die Kamera gezerrt.



Südkorea ist bekanntlich das Land mit der höchsten Durchdringung an Breitband-Internet, und das ist kein Zufall. Die Regierung steuert bewusst den Aufbau solcher strategischer Assets. Korea hat einen ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem viel reicheren Japan und dem schneller wachsenden China, und dementsprechend tun die Koreaner alles, um sich technologisch abzuheben.

Die Gadget-Dichte ist dementsprechend auch geradezu absurd. Im durchschnittlichen Taxi hängen am Armaturenbrett: Ein lustig blinkendes digitales Taxameter, ein High-End-Navigationssystem (Bildschirm nicht unter 12 Zoll), zwei bis drei Mobiltelefone, ein oder zwei drahtlose Kreditkartenterminals sowie oft noch ein mobiler Fernseher zwecks Unterhaltung des Fahrers. Lückenloser Mobiltelefonempfang ist natürlich auch selbstverständlich. Ich habe während der ganzen Reise in Korea nie weniger als perfekten UMTS-Empfang (fünf von fünf Strichen) erlebt, U-Bahn inbegriffen.

Wer wie ich denkt, dass er bezüglich Gadget-Shopping schon alles gesehen hat, sollte mal den Yongsan Electronics Market in Seoul besuchen. Das ist ein ganzer Stadteil voller kleiner Elektronikshops. Die Preise sind nicht niedriger als anderswo, aber die Auswahl ist unglaublich. Mobiltelefonshops haben beispielsweise grundsätzlich nicht weniger als etwa 150 Modelle in der Auslage, und das sind nur die kleinen Läden. Natürlich gibt es viele Telefontypen, von denen wir im Westen nur träumen können. Satellitenfernsehempfang und eingebaute Kameras im Bereich über 4 Megapixeln sind fast schon Standard. Leider funktionierten die Dinger aber nicht ausserhalb Koreas. Selbst professionelles Equipment und antiquarische Gadgets findet man in reicher Auswahl. Sogar eine alte Plattenschneidemaschine konnte man direkt ab Lager käuflich erwerben.

Traditionelle Medienkonzerne sind aber auch hier nicht viel anders. Wir besuchten den Maekyung-Verlag, Herausgeber der grössten koreanischen Wirtschaftszeitung. Der Verleger sprach zwar ständig über Konvergenz und über die Wichtigkeit des Internets, aber die Firmentour beschränkte sich trotzdem auf die hauseigenen Fernsehstudios und die mit besonders viel Stolz vorgeführte gute alte Druckmaschine.

Bezüglich Internet habe ich aber klar eines gelernt: Die asiatischen Märkte funktionieren in vielen Dingen komplett anders. Das sieht man besonders deutlich am Website-Design. Während Westler die Einfachheit der Google-Homepage schätzen, präsentiert die führende koreanische Suchmaschine Naver (77% Marktanteil) eine extrem überladene Einstiegsseite, dito die chinesischen Portalseiten QQ und Sohu.com. Sogar neue Eyetracking-Studien bestätigen, dass es da wirklich unterschiedliche kulturelle Präferenzen gibt. Google sah sich darum jetzt gerade gezwungen, die eigene koreanische Seite anzupassen und mit mehr Content anzureichern.

Der Gründer und CEO des führenden chinesischen Portals Sohu.com, Charles Zhang, erklärte uns in einer Session denn auch, dass er oft Mühe mit seinen westlichen Investoren hat. Die wollen ihn nämlich einfach dazu kriegen, immer alle neusten Silicon-Valley-Trends in China zu adaptieren, und das funktioniert halt nicht. Asiaten haben mehr Geduld und beschäftigen sich viel ausführlicher mit Internet-Inhalten, das sagen die Gesprächspartner und Usabilitystudien übereinstimmend aus. Zhang schreibt das dem unbändigen Willen der Chinesen zum Erfolg zu: Man will eben alles ganz genau wissen und hat Angst, eine Information zu verpassen, die einem vielleicht nützlich sein könnte.

Eins wurde mir bei diesem Besuch klar: Obwohl sich die Asiaten oberflächlich gesehen stark an westlicher Technologie und Konsummustern orientieren, funktionieren die Märkte wirklich fundamental anders. Kein Wunder, dass westliche Internet-Konzerne wie eBay (das gerade sein China-Office geschlossen hat), Yahoo oder Google sich schwer tun.

Online-Video: Kampf der Businessmodelle

Kaum ein Tag vergeht ohne Neuankündigung im gnadenlos überhitzten Online-Video-Markt. Eigentlich dachte man ja, dass mit der Akquisition von YouTube durch Google das Gröbste überstanden sein sollte, aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Es sind nicht nur zahlreiche Player unterwegs, die Businessmodelle unterscheiden sich auch noch massiv. Da fragt man sich doch, wo die Reise längerfristig hingehen wird. Wie werden wir in Zukunft Bewegtbilder konsumieren?

Treten wir zwecks Behandlung dieser Frage doch mal einen Schritt zurück von der Hektik des Marktes. Historisch gesehen haben die meisten technologischen Innovationen eine solche Phase des intensiven Experimentierens durchgemacht. Der Markt sucht nach einem "Dominant Design" in der Vielzahl der Möglichkeiten (Literaturtipp: James Utterback). Sobald sich ein Design, d.h. eine bestimmte Kombination von Technologie, Preismodell, Vertriebsstruktur usw. durchsetzt, sterben die konkurrenzierenden Designs meistens ziemlich schnell aus oder werden auf Nischen reduziert.

Beispiele dafür gibt es viele. Um nur einige zu nennen:

  • Gewinner: Ottomotor. Verlierer: Wankelmotor, Gasmotor usw.
  • Gewinner: VHS. Verlierer: Betamax, Video 2000
  • Gewinner: IBM PC und Kompatible. Verlierer: Macintosh, Amiga, Atari ST, etc.
  • Gewinner: CD-R. Verlierer: MiniDisc, DAT, DCC
  • Gewinner: TCP/IP. Verlierer: Alle anderen Netzwerkprotokolle.
Schon an diesen wenigen Beispielen sieht man, dass sich nicht immer die "beste", innovativste, billigste oder benutzerfreundlichste Technologie durchsetzt. Die Herauskristallisierung eines dominanten Designs ist ein nichtlinearer evolutionärer Prozess, in dem kleine Ursachen eine dramatische Wirkung haben können. Grundsätzlich kann man aber wohl davon ausgehen, dass es nicht schadet, auf offenen Standards aufzusetzen und viele Vertriebspartner zu haben.

Und noch ein wichtiger Faktor: Am meisten profitiert nicht immer die Firma, die das dominante Design erfunden hat. JVC hat zwar den VHS-Videorekorder erschaffen, aber wurde längst nicht der grösste Hersteller. IBM baut inzwischen keine PCs mehr.

Wie sehen nun die Designvarianten im Online-Video-Markt aus? Es haben sich bereits schon etliche Dimensionen herauskristallisiert, an denen entlang sich die vielen Angebote differenzieren. Wenn man nur mal zwei der wichtigsten nimmt, beispielsweise die Art des Contents (User-generated vs. Professionell) und den Gerätetyp (PC-basiert vs. Standalone) sieht man schon, wie komplex die Marktsituation ist:




Die meisten Ecken sind offensichtlich schon gut besetzt, bis auf reinen User-generated Content auf einem Standalone-Gerät (fraglich, ob jemand für so eine YouTube-Settop-Box bezahlen würde). Apple hält sich derweilen alle Optionen offen und bleibt schön in der Mitte.

Wie gesagt, Businessmodell-Dimensionen, die man kreativ kombinieren kann, gibt es diverse. Um nur die wichtigsten zu nennen:

  • Gerätetyp: PC vs. Standalone-Gerät vs. Mobile
  • Content-Art: Professionell vs. User-generated
  • Umsatzherkunft: Werbung vs. Pay-per-View vs. Pay-to-keep
  • Auslieferungstyp: Download vs. Streaming vs. Recording
  • Granularität: Einzelshows vs. Channels vs. Packages
  • Kopierschutz: DRM vs. offen
  • Vertriebspartnerschaften: Offene Allianzen vs. nur eigener Brand
Bleibt natürlich die Frage, welches Design sich denn wohl am Schluss durchsetzen wird. YouTube mit Kaufvideos auf dem Fernseher? Eine Settop-Box mit Video-Podcasts von Amazon? Die PC-Software-Version von TiVo? Oder wird es vielleicht mehrere geben, die sich verschiedene Marktsegmente greifen (so ähnlich wie PCs und Spielkonsolen)? Kurz gesagt: Das werden wir erst wissen, wenn es passiert ist. Und das kann locker noch zehn oder mehr Jahre dauern, denn eine so grundlegende Umstrukturierung eines Marktes braucht ihre Zeit.

Natürlich gibt es ein paar Faktoren, die vermutlich einen späteren Erfolg begünstigen. Es schadet nicht, wenn man eine breite Gruppe an Vertriebspartnern hat (wie YouTube mit seinen x Millionen MySpace-Usern und Blogautoren). Es tut nicht weh, wenn man hohe Benutzerfreundlichkeit bieten kann (wie TiVo oder Apple). Und eine grosse installierte Basis (wie sie Microsoft hat) ist auch kein Nachteil. Ob das aber aber die entscheidenden Faktoren sein werden, bleibt abzuwarten.

Businessmodelle sind eben nicht einfach. Vor allem dann nicht, wenn man noch Geld damit machen will.


Falls noch jemand sich gefragt hat, ...

... ob Online-Video inzwischen wirklich eine Bubble ist: Tony Blair hat jetzt seinen eigenen YouTube-Channel und benutzt selbigen auch gleich, um dem frisch gewählten Nicolas Sarkozy zu gratulieren. Auf Französisch.

Lustig ist die Methode, wie die BBC das online meldet: Das YouTube-Video wird nicht etwa einfach so verlinkt, sondern die BBC hat das Video runterkopiert und bietet das auf ihrem eigenen Videoplayer an. In schlechterer Qualität. Tja, modern times, old media thinking...

8% "Allesfresser": Web 2.0 wird nur von Minderheit genutzt

Das Pew Internet & American Life Project ist immer wieder mal für eine interessante Studie gut, wenn auch nur aus amerikanischer Perspektive. Die neuste repräsentative Umfrage untersucht den Umgang von Amerikanerinnen und Amerikanern mit moderner Informationstechnologie.

Bemerkenswert, aber vielleicht nicht sehr überraschend: Web 2.0 ist bisher noch ein Nischenphänomen und wird erst von einer recht kleinen Zielgruppe wirklich intensiv genutzt.

8% der Bevölkerung sind bezüglich ICT nämlich "Omnivores" (Allesfresser) und können sich für restlos alles begeistern, was digital ist. Wenig überraschend sind das vor allem männliche, jüngere, gut gebildete User. Diese Zielgruppe macht primär die regelmässigen User von typischen Web-2.0-Applikationen aus. Das ist nun ja nicht weiter erstaunlich, da genau diese Gruppe fast immer vorne dran ist, wenn es um neue Technologie geht. Schon bei Web 1.0 anno 1995 war die pionierhafte Usergruppe -- genau -- jung, vorwiegend männlich und gut gebildet.

Interessant sind die weiteren Typologien. Etwa 31% der Amis gehört zur Obergruppe der "Elite Tech Users" zu denen neben den Omnivores noch die "Connectors", "Lackluster Veterans" und "Productivity Enhancers" gehören -- alles Leute, die Technologie intensiv einsetzen, wenn auch aus unterschiedlicher Motivation. 20% sind "Middle of the Road Users" mit weniger intensivem Technologieeinsatz, und bei den restlichen 49% hat das Pew-Institut "Few Tech Assets" festgestellt: Diese knappe Hälfte der Bevölkerung nutzt neueste Technologie nur wenig, oft widerstrebend oder gar nicht.

Die Produktion von User Generated Content ist laut der Studie noch kein Breitensport: Total nur 19% der Befragten haben schon mal Content aufs Web hochgeladen, 18% haben schon mal Kommentare geschrieben, und 8% haben nach eigener Angabe schon mal gebloggt.

Die Informationstechnologie insgesamt scheint nach wie vor eine Zweidrittelsgesellschaft heranzubilden: 62% der Leute nutzen das Internet "aus Spass"; 67% finden es angenehm, so viel Information verfügbar zu haben, während der Rest sich durch die Informationsflut überfordert fühlt. Die Intensität der Technologienutzung korrelliert zudem ziemlich stark mit dem Haushaltseinkommen: Je besser verdienend, umso mehr Technologie wird in der Regel genutzt.

Eine gute Zusammenfassung gibt es bei Search Engine Land, aber der Volltext der Studie ist allemal einen Blick wert.
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